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Freitag, 2. Oktober 2020

Bibliothekserinnerungen

Vor ein paar Jahren ging man, wenn man in der Universitätsbibliothek Tübingen etwas ausleihen wollte, an den Schalter im Lesesaal. Dort stand eine Bibliotheksangestellte oder ein Bibliotheksangestellter. Vielleicht waren es auch Bibliothekar*innen oder mal so, mal so. Jedenfalls scannten sie die Bücher ab, die man ausleihen wollte, wiesen darauf hin, wenn man ein nicht-ausleihbares Buch genommen hatte, fragten, ob man Gebühren gleich bezahlen wolle und gaben Fernleihen heraus. Manche waren langsam und es bildeten sich Schlangen. Dann informierte man die Kolleg*innen: Geh jetzt nicht, Frau xy ist an der Ausleihe. Manche waren muffig und unfreundlich: man hatte den Eindruck, sie wollten einem die Bücher nur ungern herausgeben, als würden sie sie als ihren eigenen Besitz betrachten. Andere waren schnell und effizient, andere freundlich. Einer, er trug einmal, am Tag nach einem Sieg gegen den BVB, ein Trikot von Eintracht Frankfurt, verabschiedete einen immer mit den Worten: viel Spaß! Und ich dachte mir dann: Wie schön! Obwohl er weiß, dass die allermeisten Besucher Bücher zur Prüfungsvorbereitung und für die Abfassung von Hausarbeiten mitnehmen, deren Lektüre ihnen vermutlich auch Mühe bereiten wird, ist er überzeugt davon, dass die Beschäftigung mit Büchern Spaß machen kann - und sollte!
Seit die Ausleih- und Rückgabeautomaten installiert wurden, habe ich ihn nicht mehr gesehen. Man kann jetzt mit vollaufgedrehter Musik auf den Ohren und ohne Rucksack und Jacke abzugeben bis zum Lesesaal durchgehen, Bücher auswählen und entleihen, ohne mit einem Menschen in Kontakt treten zu müssen.
Was für ein Fortschritt. 

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Freitag, 19. Juni 2020

Flächenfraß Re-Edit

Vor vier Jahren, am 16.11.2016, schrieb ich einen kurzen Post zu einem kleinen verwilderten Stückchen Land in Tübingen, eingeklemmt zwischen drei Straßen, auf dem Disteln, Brennesseln und Kletten wuchern durften und das in dieser Zeit etwa zur Hälfte planiert wurde, um in der Mietpreishölle Tübingen einem Möbelhaus Platz zu machen, aber natürlich nicht etwa einem Möbelhaus für Normalsterbliche, sondern einem auf Massivholz- & Gartenmöbel spezialisierten, das nur für die Kunden taugt, die sich Dreizimmerwohnungen für 450 000 Euro leisten können, und wo man sich fragt, wofür die eigentlich Gartenmöbel brauchen, weil in Tübingen ja keine Gärten mehr vorgesehen sind zwischen Egeria-Viertel und Güterbahnhofareal, wo alles so dicht zusammen wohnt, dass auf den Balkonen nurmehr Platz für Klappstühle ist, aber bitte schön aus Massivholz. Jedenfalls hat es jetzt die andere Hälfte des Gestrüppdickichts erwischt, wer braucht schon Disteln, Brennnesseln und wilde Brombeeren außer Distelfinken, Schmetterlingen und Igeln, platt ist alles gemacht worden und welche Partei spricht noch mal ständig von der zu verhindernden Bodenversiegelung?, egal, keine Ahnung was da hinkommt, vermutlich eine Kaffeerösterei, ein Soja-Shop oder ein Sockenladen, auf jeden Fall sei hiermit bekräftigt: ich bin nicht einverstanden!



Mittwoch, 25. März 2020

Lieblingsplätze in Tübingen

Wenn man sich nicht bewegen darf wie sonst, denkt man sich 'raus.
Die Idee zu diesem Text hatte ich schon vor zweieinhalb Jahren im Herbst, als die Tage kürzer wurden, liebe Freunde sich überlegten, wegzuziehen, und immer klarer wurde, dass auch wir nicht ewig in unserer Wohnung wohnen würden bleiben können, da sie jeden Tag ein bisschen kleiner wurde.Wir wussten also nicht, ob auch für uns bald der Tag kommen würde, an dem wir uns von Tübingen verabschieden müssten.
Im Schwäbischen Tagblatt wurden Politiker und sonstige Prominente damals für Porträts gerne nach ihrem Lieblingsplatz in Tübingen befragt. Da ich weder das eine noch das andere bin oder in absehbarer Zeit sein werde, äußere ich mich einfach mal auf meinem eigenen Blog dazu. Durch die Umstände ist es mehr eine Reise in die Vergangenheit als in die Ferne, denn Lieblingsorte haben immer etwas mit den Momenten zu tun, die wir dort verbracht haben (Chronotopos).
1) An der Kreuzung der Nauklerstraße mit der Melanchthonstraße im Eckhaus gibt es einen kleinen Bäcker, früher betrieben von der Tübinger Bäckerei Gauker. Er war der nächste Bäcker zum Brechtbau und ich habe dort ungezählte Tassen Kaffee getrunken, Butterbrezeln und Apfelballen gegessen. Zeitweise lag er auch auf meinem Weg nach Hause und ich kaufte dort Brot ein. Der schönste Platz war damals ein Tisch mit zwei Stühlen, der vor dem Bäcker auf dem Gehsteig stand. Am besten saß man dort morgens im Frühsommer, wenn es noch ein wenig frisch ist. In regelmäßigen Abständen schwappten Studenten von der Haltestelle Mohlstraße herunter, in den Bäcker hinein und weiter über die Wilhelmstraße und in die Fakultäten. Der Ort vereinte die Ruhe einer Wohngegend mit dem urbanen Flair der Universitätsstadt.

Bildquelle unten

2) Wenn man im Sommer abends in der Stadt draußen Bier trinken möchte, geht man zum Beispiel in die Gasthausbrauerei Neckarmüller in den großen Biergarten direkt am Fluss. Wenn man dabei aber die Gruppen von Betrunkenen und/oder JunggesellInnen-Abschieden sowie die Schnaken anziehende Beleuchtung vermeiden will, kann man eine von zwei Bänken ansteuern, die auf der anderen Seite des Biergartens stehen. Von dort hat man einen wunderschönen Blick auf das Neckarparkhaus und das Hotel Domizil. Es ist die erwachsene Weiterentwicklung des Herumgammelns auf Spiel- und Parkplätzen, denn die Versorgung mit Bier vom Fass ist gesichert - nicht ganz billig aber umweltfreundlich. 
3) Den dritten Lieblingsplatz verbinde ich mit meiner ersten Elternzeit. Es ist die Eisdiele vor dem Haagtor. Hier kam ich immer mit dem Kinderwagen vorbei, wenn ich in die Stadt ging - und oft ging ich daran nicht vorbei, ohne mir eine Waffel mit Vanilleeis und Amarena Kirsch zu kaufen. Wenn man das Eis direkt vor Ort essen möchte, kann man sich auf einen von circa sieben Stühlen setzen, die alle unterschiedlich sind, oder auf eine lange leicht angemoderte Bank unter dem Baum, der gegenüber der Eisdiele steht. Auch auf diesem Platz herrscht ein reges Kommen und Gehen. Es gibt Bewegung von Fahrrädern und Fußgängern, die durch den Fahrradtunnel kommen und gehen, viele auf dem Weg zum Freibad und entsprechender Stimmung, aber es ist selten laut oder hektisch. Wenn das Kind ein bisschen größer ist, kann es auf der modrigen Bank herumklettern, und wenn es noch größer ist, möchte es selbst ein Eis und auf den Spielplatz gegenüber.

Bildquelle: Bild von <a href="https://pixabay.com/de/users/markusspiske-670330/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=595478">Markus Spiske</a> auf <a href="https://pixabay.com/de/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=595478">Pixabay</a>

Freitag, 5. Oktober 2018

Bye, bye Junimond

Da steht's, schwarz auf weiß: Exmatrikulation! Nach 33 + 1 Semestern, fast mein halbes Leben war ich Teil der Tübinger Uni. Da erhält die Bezeichung "Alma mater" einen ganz neuen Sinn.



Ein Jahr nach meinem Wehmutsblogbeitrag nun wieder ein nostalgischer Rückblick...
33 Semester - wenn das Peter Frankenberg wüsste! Aber den Wissenschaftsminister, der in Baden-Württemberg die Langzeitstudiengebühr einführte, kennt heute keiner mehr. Dafür sind Studiengebühren für das Zweitstudium fast unbemerkt zusammen mit den Studiengebühren für Nicht-EU-Ausländer beschlossen worden. Zum Glück galt für mich schon Bestandsschutz.

Obwohl eingefleischter Neuphilologe habe ich am Ende doch noch vier verschiedene Fakultäten erlebt, an sechs unterschiedlichen Fachbereichen.
Über die Jahre sind 23 Hausarbeiten zusammengekommen (sieben in Germanistik, vier in Italienisch, drei in Portugiesisch, drei in Theologie, vier in Fachdidaktik, eine in Pädagogik, eine in EPG),
10 mündliche Prüfungen (eine Verteidigung, vier mündliche Magisterprüfungen, zwei mündliche Staatsexamensprüfungen, drei Vorlesungsprüfungen),
37 Referate (zehn in Germanistik, neun in Italienisch, sechs in Portugiesisch, drei in Theologie, eines in Skandinavistik, zwei in Türkisch, zwei in Französisch, vier in Fachdidaktik) und ungezählte Klausuren...

Erstmals seit April 2002 kann ich jetzt nicht mehr ohne nachzudenken in den Bus hüpfen - das erspart mir und der SWT allerdings auch manchen larmoyanten Leserbrief.
In der Mensa bekomme ich das Essen ab November nur noch zum Gästepreis, und ich fürchte, die Kinderkarte ist damit auch passé.
Die studentische Mailadresse haben sie noch nicht abgeschaltet. Vielleicht sollte ich den letzten Malen ein erstes hinzufügen und beim fMRT Experiment zum Bruchrechnen mitmachen: Vergütung 25 €, das sind vier Essen in der Mensa zum Gästepreis.

Liebe Uni Tübingen: Schön war's.
Gratiam habeo, alma mater!

Dienstag, 21. November 2017

Fachbücher und Küchenkram

Tübingen - Universitätsstadt. Die Universitätsbuchhandlung: seit 1596 Osiander, der Platzhirsch. Das zentrale Geschäft, die Hauptniederlassung, befand sich seit Jahren in der Wilhelmstraße, auf der sich zahlreiche Fakultäten und Seminare aneinanderreihen: von der juristischen Fakultät bis zum Seminar für Sinologie und Koreanistik. Überdies befand sich selbiges Hauptgeschäft nur wenige Meter vor der zentralen Bushaltestelle Wilhelmstraße, an der durch den nur in einer Richtung befahrbaren Innenstadt-Ring alle Busse halten müssen.
Die Buchhandlung Osiander kennt eigentlich nur eine Richtung: nach vorn. Seit Jahren expandiert sie im gesamten süd(west)deutschen Raum, übernimmt in diesem Jahr sogar Filialen in Bamberg und Fürth. In Tübingen wurde vor einiger Zeit auch die ehemals eigenständige Buchhandlung Tabula am Holzmarkt übernommen. In unmittelbarer Nähe zum Antiquariat Heckenhauer, in dem Hermann Hesse seine Buchhändler-Lehre absolvierte, zeichnet sich "Osiander Aktuell" seitdem durch ein besonders "niedrigschwelliges", sprich niveauarmes Sortiment aus. Gleiches gilt für die Zweigstelle an der Neckarbrücke, die eine Art zweite Bahnhofsbuchhandlung darstellt ("Osiander City"). Auf der anderen Seite steht die Schließung der Filiale auf der Morgenstelle, die v.a. naturwissenschaftliche Fachliteratur vertrieb, im Jahr 2013.
Nun aber ist das Tübinger Osiander-Netz endgültig umgebaut worden: die bisherige Hauptniederlassung in der Wilhelmstraße wurde geschlossen. Etwa einen Monat zuvor wurde das bisher von einem Eisenwaren-Geschäft genutzte Haus in der Metzgergasse 15 in eine eigene Kinderbuchhandlung umgewandelt. Diese Entfernung der Kinderbücher aus der bereits länger bestehenden "Gemischtwaren"-Osiander-Filiale in der Metzgergasse 25 war gewissermaßen der vorbereitende Schachzug zur Schließung der bisherigen Hauptniederlassung. Die bisher in der Wilhelmstraße angesiedelten Fachbücher (inkl. anspruchsvoller Literatur) wurden dorthin verlagert. Gefeiert wurde zweimal: einmal die Neueröffnung von "Osiander Kids" (!!!), einmal die "Neueröffnung" der Filiale in der Metzgergasse 25 mit einverleibtem Wilhelmstraßen-Sortiment - auch wenn in diesem Fall eigentlich keine Neueröffnung erfolgt ist, höchstens eine Neuöffnung und v.a. eine Schließung. Die wird aber normalerweise nicht gefeiert. Gefeiert wurde aber eifrig: mit einem der entsprechenden Samstagsausgabe des Schwäbischen Tagblatts beigelegten Gutschein, der sich auf alles außer Bücher bezog:

Was mag es in einer Buchhandlung geben, das nicht der Buchpreisbindung unterliegt?


Außerdem gab es ein Sonderangebot zur Umeröffnung, bezeichnenderweise ein als "Kitchen Craft" bezeichnetes Küchenutensil.

Bücher seit 1596 - "Kitchen Craft"

Als Gründe für diese Neuordnung wurden genannt: 1) Der Laden gegenüber der bereits bestehenden Filiale wurde frei. 2) Der Umsatz in der bisherigen Hauptniederlassung ging zurück, angeblich, weil Studierende und sonstige Universitätsangehörige ihre Literatur nicht mehr vor Ort kauften. In der Sonderveröffentlichung der Zeitung wurde eigens darauf verwiesen, dass das Stammhaus seit seiner Gründung schon mehrfach neue Räume bezogen habe. Das klingt schon fast nach schlechtem Gewissen.
Die Verramschung des eigenen Anspruchs war aber auch im bisherigen Stammhaus seit Längerem vorbereitet worden. So wurden die teilweise sorgfältig thematisch gestalteten Schaufenster durch Ramschkästen mit überholten Auflagen von Wörterbüchern und Reiseführern, Malbüchern und billigen Bildbänden zugestellt. Die neue Hauptfiliale bedeutet diesbezüglich einen signifikanten Zuwachs von Ramschkastenmetern.

Ist diese ganze Darstellung nur relevant für die Tübinger Situation? Ich glaube nicht: die veränderte Schwerpunktsetzung ist überall im Buchhandel zu spüren. In anderen Städten war die Entwicklung weg vom (anspruchsvollen) Buch und hin zu Kalendern, Kochbüchern, Topflappen und Spätzleshaker vermutlich sogar noch früher vollzogen worden.
Zusamenfassend lässt sich sagen: wer sich für Fachbücher und anspruchsvolle Literatur interessiert, wird wohl kaum den zwischenzeitlich durch rote Fußspuren auf dem Gehweg markierten Umweg in die Metzgergasse machen, sondern den direkten Weg zu Gastl oder HPWilli finden.
Ich fürchte ja, mit den Buchhandlungen ist es ein bisschen so wie mit den Kirchen: sind sie erst mal aus dem näheren Blickfeld verschwunden, erinnert sich kaum einer noch daran, dass es mal Gründe gab, dort hinein zu gehen.

Samstag, 28. Oktober 2017

Herbst 2017

Seit letzter Woche werden die großen überall in der Stadt verteilten Blumenampeln und Blumenkästen abgehängt. Am Freitag hat mein Großer seinen letzten Tag in der Kita verbracht. Er wird drei Jahre alt und wechselt nun in den Kindergarten. Zwei Jahre hat er in der liebgewonnenen Einrichtung verbracht, die sich am Rand der Altstadt in einem 500 Jahre alten Gebäude befindet. Und übermorgen endet nach achteinhalb Jahren meine Zeit als Mitarbeiter an der Universität. Das Ende des Projektförderungszeitraums ist erreicht. All das stimmt mich wehmütig.
Für meinen Großen beginnt mit dem Kindergarten eine neue Phase seines Lebens, für mich zwei Monate später mit dem Beginn des Referendariats. Im Kindergarten wird er zu den Kleinsten gehören, nachdem er in den letzten Monaten in der Kita zu den Größten gehörte, die mit in den Garten, zum Einkaufen oder zum Schwimmen gehen durften. Ich werde im Referendariat zu den Ältesten gehören, zugleich aber auch, im Verhältnis zu arrivierten Lehrern und Seminarleitern, zu den Kleinsten.
An langen Arbeitstagen war mir oft die liebste Zeit des Tages der Weg zur Kita: der Gang zur Bushaltestelle (ca. 150 m), mal rennend, mal auf den Schultern, meist an der Hand, manchmal die Haltestelle variierend, weil ihm der rote Hamster, der vom Götz-Widmann-Plakat winkt, Angst macht; die Busfahrt, am liebsten vorne rechts sitzend, so dass wir die verschiedenen Baustellen mit ihren Kränen, Baggern und Betonmischern bewundern können, manchmal schwer zu erobern gegen die Senioren, die seltsamerweise auch ganz wild auf diesen Platz sind, trotz eigens für sie reservierter Plätze; der Weg von der Bushaltestelle zur Kita, auf dem man an Schaufenstern, dem Bäcker und öfters auch Tauben vorbeikommt, die verjagt werden müssen, und vor allem an einer Stelle, an der ich vor fast einem Jahr mit dem Kinderwagen bei Glatteis ins Rutschen kam, woran sich mein Sohn verblüffenderweise heute noch erinnert, "Papa, hast du dir hier Aua gemacht?!"; schließlich die Treppe hoch zur Kita, etwa 40-50 Stufen, angeblich Hinderungsgrund für manche Eltern, die nicht wissen, was sie verpassen, und die dafür sorgen, dass die Kinder dieser Einrichtung wesentlich schneller Treppensteigen und zählen lernen dürften als andere; dann die Abschiedszeremonie, Jacke, Mütze und Schal aus, Hausschuhe an, Umarmung und zum Glück meist keine Tränen mehr. Dazu kommen natürlich die kleinen Gespräche mit den anderen Kindern, den Eltern und den Erzieherinnen, und das alles, durch die flexible Arbeitszeitgestaltung meiner bisherigen Stelle, mit Zeit und Ruhe, also den beiden meines Erachtens wichtigsten Punkten für ein friedliches Eltern-Kind-Verhältnis, v.a., weil beides doch oft nicht so zuhanden ist, wie man es gerne hätte. Wie wird es erst sein, wenn ich durch den umbarmherzigen Stundenplan und die noch zu erledigende Anfahrt in ein engeres Zeitkorsett geschnürt sein werde? Klar, nicht jeder Tag beginnt mit der ersten Stunde, aber an denen, die so beginnnen, werde ich meine Kinder wahrscheinlich morgens gar nicht sehen. Vorher steht noch die Eingewöhnung des Kleinen an, der in dieselbe Einrichtung gehen wird. Manches wird ähnlich sein, Vieles anders. Die erste Zeit wird er noch nicht die Treppen laufen wollen, andere Plätze im Bus bevorzugen. Kinder werden für ihn die Großen sein, während sie bisher für uns und unseren Großen die Kleinen waren. Die Erzieherinnen werden dieselben sein und die Eltern auch, teilweise auch sie mit Geschwisterkindern der Spielkameraden unseres Großen. Der Weg wird der gleiche sein, und doch ein anderer. Und ganz bestimmt wird es auch schön werden.
Aber es ist Herbst. Und ich bin ein bisschen wehmütig.

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Raser Idylle

Kennt ihr diese Rennradfahrer? Komplett in klatschenge und grellbunte Radlerkleidung gewandet rasen sie auch noch durch die schönste Landschaft tief über den Lenker gebeugt. Ich muss zugeben: ein bisschen verachte ich das, weil gerade das, was ich als das Schöne am Fahrradfahren ansehe, die Landschaft, die kleinen Entdeckungen und Begegnungen und die frische Luft, auf diese Weise nur unzureichend genossen werden kann. Wenn ein solcher Sportradler sich zwischen einem gut asphaltierten Weg, der aber direkt neben der Bundesstraße verläuft, und einem Feldweg abseits davon entscheiden muss, wählt er ersteren.
Andererseits ist das Radfahren vermutlich nur auf diese Weise tatsächlich ein Sport, der das erfüllt, was sich die überwiegende vom Sport erwartet: eine Möglichkeit, fit zu werden, abzunehmen, dynamisch zu wirken. Und ich muss auch zugeben, dass ich mich zumindest nicht ganz von der Freude an der messbaren Geschwindigkeit und zurückgelegten Strecke freisprechen kann - sonst hätte ich wohl keinen Tachometer an meinem bescheidenen Tourenrad.


Vor kurzem habe ich nun zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder eine Fahrradtour gemacht. Da ich nur eine Stunde Zeit für die erdachte Runde durchs Neckartal zwischen Tübingen und Rottenburg hatte, musste ich dieses Mal doch etwas mehr Gas geben.
Wahrscheinlich sind auch die meisten dieser Radrennfahrer gestresste Kleinkind-Väter wie ich, die sich mühsam eine kleine Auszeit vom Feierabend (Duplo-Spielen, Vorlesen, Wäsche aufhängen, Spülmaschine ausräumen, Wickeln...) erkämpft haben und nun versuchen, die ihnen gewährte Freizeit so sinnvoll wie möglich anzuwenden. Bliebe nur noch, die modischen Geschmacksverirrungen zu erklären - aber wer wollte das bei Kleinkind-Eltern ernsthaft versuchen?!!?
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Bei dieser Gelegenheit füge ich auch ein paar Fotos aus meiner bevorzugten Radfahrgegend an, dem Neckartal und dem Ammertal, aus aktiveren Fahrrad- aber prä-Blog-Zeiten.

Tübingen - Unterjesingen, Barbarakirche
Wurmlinger Kapelle

Tübingen - Unterjesingen, Schloss Roseck


Tübingen - Weilheim, Nikomedeskirche

Tübingen - Lustnau

Ammerhof

Wurmlinger Kapelle

Wurmlinger Kapelle

Pfäffingen, Michaelskirche

Oberndorf, St. Ursula

Sonntag, 11. Juni 2017

Kulturschock Kunstrasen

Es gibt ja viele Bereiche, in denen man Spanien (Valencia) und Deutschland (Tübingen) miteinander vergleichen kann: Bierkultur, Fußball, ÖPNV... Für hauptamtliche Eltern drängt sich allerdings vor allem der Vergleich der Spielplatz - Situation hier wie dort auf.
Zunächst einmal muss man zugestehen: in Valencia gibt es deutlich mehr Spielplätze als im ach so familienfreundlichen Tübingen. Diese finden sich an den verschiedensten Orten:  an U-Bahn-Haltestellen, in Straßenecken und vor allem zwischen den typischen großen Häuserblocks.  Besonders wichtig aber und in meinen Augen die beachtlichste Spielplatz - Innovation: fast immer befindet sich direkt daneben eine Bar! In Deutschland muss man für einen solchen Service schon ein Waldheim oder ein Naturfreundehaus aufsuchen - in Tübingen gibt es sogar Spielplätze ohne Bänke! Was drückt das für ein Elternverständnis aus?!! Dabei ist es keineswegs so, als würden spanische Eltern ihren Zöglingen weniger besorgt hinterher rennen als deutsche, eher im Gegenteil. Dazu besteht andererseits aber in Spanien deutlich weniger Anlass, da sich 90 % der Spielplatzgeräte an Kinder richtet, die gerade erst krabbeln gelernt haben. Zudem sind Spielplätze entweder mit einem fröhlichen Tartanboden oder kratzigem Kunstrasen ausgelegt - so ist der Boden nicht zu hart und v.a. werden die lieben Kleinen nicht schmutzig! Sand - vom Strand! - ist schließlich der natürliche Feind der spanischen Hausfrau.

Kurioses Spielplatzverbotsschild 1: (Tübinger) Mütter, zieht eure High Heels aus!

So kann man schließen, dass für Eltern von kleinen Kindern der Spielplatz - Aufenthalt in Spanien relativ entspannt sein könnte: bei geringer Verletzungsgefahr und Orxata amb fartons oder Chocolate con churros. Andererseits ist es wohl doch auch schon bald recht langweilig für die etwas größeren Kinder, die vermutlich nichts gegen längere Rutschen, Seilbahnen und Wasserspiele einzuwenden hätten. 
Fußball gespielt wird übrigens trotz der Verbotsschilder.
Kurioses Spielplatzverbotsschild 2: Bloß nicht Fußballspielen!

Freitag, 28. April 2017

Habe den Mut, dich deines eigenen QR-Codes zu bedienen!

In dem Bioladen, in dem ich regelmäßig meine Äpfel einkaufe (ohne Tüte!), wollte heute ein Herr vor mir seine Avocado, seinen Tee und seine Haferflocken nicht mit Bargeld zahlen, auch nicht mit der EC-Karte und nicht mit der VISA, sondern indem er sein Handy mit einem QR-Code an das QR-Code-Lesegerät an der Kasse hielt. Es handelte sich anscheinend um die Payback-App, wie ich aus dem folgenden Gespräch nicht umhin konnte mitzuhören, das sich zwischen dem Kunden und verschiedenen Verkäuferinnen entspann, da es nämlich nicht funktionierte. Haltet mich für einen fortschrittsfeindlichen Nostalgiker, aber der Sinn dieser neuen Bezahlfunktion erschließt sich mir nicht. Ich befinde mich eigentlich noch immer auf dem Stand, dass die Payback-Karte (oder die Karten ähnlicher Anbieter) dazu dienen, Punkte beim Einkauf zu sammeln, wodurch die dahinterstehende Firma Informationen über das Einkaufsverhalten des Kunden erhält, dieser dagegen seine gesammelten Punkte alle paar Jahre gegen einen Salzstreuer oder einen Eierbecher eintauscht. Nun soll man damit auch bezahlen können? Was passiert dann eigentlich mit den Punkten? Bei einem gewissen Drogeriemarkt kann man seit einer Weile die Punkte direkt beim Einkauf in einen Preiserlass umnutzen. Die Frage ist doch: gibt es dann überhaupt noch Punkte? Und wenn ja, werden sie während dem Bezahlvorgang errechnet und direkt abgezogen, und zwar vom Ausgangsbetrag oder erst vom bereits ermäßigten?
Für mich sind diese Formen des bargeldlosen Zahlens ein bisschen wie e-books: eine unnötige Innovation. Wenn man kein Bargeld mitnehmen will, zahlt man eben überall mit der Karte, die man bevorzugt. Wo ist der Vorteil des kartenlosen Bezahlens? Ihr meint, das Handy hat man immer dabei und man kann sich dann das Mitführen der Bankkarte sparen? Oh, was für eine Gewichts- und Platzersparnis! Im Übrigen kommt man schon mit der Bankkarte beim Bäcker und im Tübinger Nahverkehr nicht besonders weit. Bis dahin sind es wohl einsame Pioniere des kartenlosen Zahlens, die für Schlangen an den Kassen und ratlose Gesichter bei den VerkäuferInnen sorgen. Aber hey, der Fortschritt rechtfertigt sich selbst!
Quelle: https://pixabay.com/de/apfel-roter-apfel-frucht-obst-2736410/ (CCO Creative Commons)

Dienstag, 15. November 2016

Flächenfraß

Jetzt ist eine der letzten freien Flächen Tübingens dran: die Wiese zwischen Hagellocher Weg und B28 Richtung Herrenberg, Weilerbach und Aldi. Die Bagger sind schon da, zur Freude meines Sohnes. Immer wenn ich dort vorbei gekommen bin, habe ich mich gefreut, wie herrlich nutzlos diese Wiese doch da lag: total zugewachsen mit Gestrüpp: Disteln, Brennnesseln, wilden Brombeeren und Kletten.
"Ich setze mich auf eine Holzbank und schaue auf das Gestrüpp neben der Bank. Es gefällt mir sehr gut, weil es nichts als sein eigenes Ausharren ausdrückt. […] Schon das Wort Gestrüpp beeindruckt mich. Es ist vielleicht das Wort für die Gesamtmerkwürdigkeit allen Lebens, nach dem ich schon so lange suche." (Wilhelm Genazino, Ein Regenschirm für diesen Tag, S. 93f.)
Kein Wunder, dass man am Rand der Wiese immer wieder Greifvögel beobachten konnte: sie werden sich nun ein neues Jagdrevier suchen müssen, genauso wie die bisherigen Bewohner eine neue Heimat... Grabowski lässt grüßen!

Sonntag, 11. Oktober 2015

Carmen birotarii


Oh unbedarfter Spaziergänger,
der du durch öffentliche Grünanlagen wandelst,
sieh nicht auf den Weg, schau in den Himmel,
stets eingedenk des großen Heroen Hans-guck-in-die-Luft,
von dessen Ruhm die Gebrüder künden.

Lass schweifen den Blick,
nach vorn, zu den Seiten, nach oben - nicht rückwärts,
von wo, ungeduldig, verhärmt, mit knirschenden Zähnen
der tölpelhafte Feind aller Ruhe heranrast: Radfahrer.

Hundebesitzer, du wahrer Menschenfreund,
beglückst deine Brüder und Schwestern mit Gerüchen und -räuschen,
lass von der Leine den Liebling im Park,
auf dass er hin und her streune, unvorhersehbare Bewegung, selbst für ihn selbst.
Je kleiner das Wesen, desto drolliger,
springt es über den Weg, nicht fürchtend andre zu stören.

Sei sorglos, Hundebesitzer, fürchte nicht den Feind, er kann warten,
Geduld soll er lernen, nicht klingeln und fluchen,
kann auch einmal halten, statt stets auf den lauschigen Wegen zu rasen;
wenn auch aus unverständlichen Gründen erlaubt,
so doch geächtet von dir, radloser Zweibeiner:
erziehen wirst du zur Ruh' schließlich ihn!

Montag, 24. August 2015

Tour de Souabe

Ein lang gehegter Plan konnte - leider als Folge unglücklicher Umstände - endlich verwirklicht werden: mit dem Fahrrad von Tübingen nach Stuttgart zu fahren! Nach einem kurzen Check der Optionen auf Google Maps fürs Fahrrad (Beta-Version schon seit Ewigkeiten) entschied ich mich gegen all jene und für die deutlich längere aber steigungsärmere Strecke über den Neckartalweg. Der Abschnitt bis Kirchentellinsfurt war früher einmal so etwas wie meine Hausstrecke, bis Pliezhausen war ich auch schon mehrmals gekommen, einmal sogar bis Reutlingen-Mittelstadt, aber ab dort begann gewissermaßen Neuland... Schon während der Fahrt hatte ich mir überlegt, dass es lustig wäre, jede halbe Stunde ein Foto zu machen - einerseits, um mich immer wieder zu kleinen Pausen zu zwingen, was nach der langen Zeit ohne größere Touren auch kein Fehler war, andererseits, um so die sich verändernde Landschaft zu dokumentieren. Meistens ist also das Fotomotiv nicht unbedingt das vielleicht bestmögliche, sondern das Ergebnis eines Kompromisses aus der Uhrzeit, einem schönen Platz und einem passenden Ausblick.
Fazit: Auch wenn an mir vermutlich kein Radsportler verlorengegangen ist, habe ich die knapp 85 km lange Strecke bei Tageslicht gemeistert und habe dabei 5 Stadt- bzw. Landkreise befahren (TÜ, RT, ES, S, LB)! Der Neckartal-Radweg ist hervorragend ausgeschildert und nach meiner Meinung am schönsten zwischen Pliezhausen und Wernau. Das Seehaus am Aileswasensee, wo ich die einzige längere Pause gemacht habe, kann ich nur empfehlen!

11:04 Richtung Kirchentellinsfurt
11:39 Kurz vor Reutlingen-Mittelstadt

12:18 Neckartailfingen, Seehaus am Aileswasensee


12:58 Nürtingen
 
13:38 Wernau
14:12 Esslingen
14:12 Esslingen
14:41 Obertürkheim
15:08 Bad Cannstatt
15:34 Stuttgart, Schloss Rosenstein
15:52 Stuttgart Pragsattel