Posts mit dem Label Literatur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Literatur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 2. Oktober 2020

Bibliothekserinnerungen

Vor ein paar Jahren ging man, wenn man in der Universitätsbibliothek Tübingen etwas ausleihen wollte, an den Schalter im Lesesaal. Dort stand eine Bibliotheksangestellte oder ein Bibliotheksangestellter. Vielleicht waren es auch Bibliothekar*innen oder mal so, mal so. Jedenfalls scannten sie die Bücher ab, die man ausleihen wollte, wiesen darauf hin, wenn man ein nicht-ausleihbares Buch genommen hatte, fragten, ob man Gebühren gleich bezahlen wolle und gaben Fernleihen heraus. Manche waren langsam und es bildeten sich Schlangen. Dann informierte man die Kolleg*innen: Geh jetzt nicht, Frau xy ist an der Ausleihe. Manche waren muffig und unfreundlich: man hatte den Eindruck, sie wollten einem die Bücher nur ungern herausgeben, als würden sie sie als ihren eigenen Besitz betrachten. Andere waren schnell und effizient, andere freundlich. Einer, er trug einmal, am Tag nach einem Sieg gegen den BVB, ein Trikot von Eintracht Frankfurt, verabschiedete einen immer mit den Worten: viel Spaß! Und ich dachte mir dann: Wie schön! Obwohl er weiß, dass die allermeisten Besucher Bücher zur Prüfungsvorbereitung und für die Abfassung von Hausarbeiten mitnehmen, deren Lektüre ihnen vermutlich auch Mühe bereiten wird, ist er überzeugt davon, dass die Beschäftigung mit Büchern Spaß machen kann - und sollte!
Seit die Ausleih- und Rückgabeautomaten installiert wurden, habe ich ihn nicht mehr gesehen. Man kann jetzt mit vollaufgedrehter Musik auf den Ohren und ohne Rucksack und Jacke abzugeben bis zum Lesesaal durchgehen, Bücher auswählen und entleihen, ohne mit einem Menschen in Kontakt treten zu müssen.
Was für ein Fortschritt. 

Bild von <a href="https://pixabay.com/de/users/foundry-923783/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=869061">Foundry Co</a> auf <a href="https://pixabay.com/de/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=869061">Pixabay</a>
Bild von Foundry Co auf Pixabay

Sonntag, 1. September 2019

Deutschland, ein Nordsee-Märchen


Es waren einmal ein Immobilienmakler und seine Frau, eine Innenarchitektin, die wohnten zusammen in einer Dreizimmerwohnung in einer mittelgroßen Stadt in Niedersachsen, und obwohl es recht weit war, fuhr der Immobilienmakler jeden Tag in seinem VW Scirocco an die Nordsee-Küste und angelte.
So saß er auch einmal mit seiner Angel und schaute immer in das klare Wasser hinein, und er saß und saß. Da ging die Angel auf den Grund, tief, tief hinab, und wie er sie heraufholte, da zog er einen großen Butt heraus. Da sagte der Butt zu ihm: »Höre, [Immobilienmakler], ich bitte dich, laß mich leben, ich bin kein richtiger Butt, ich bin ein verwünschter Prinz. […] Setz mich wieder ins Wasser und laß mich schwimmen! (Quelle)
Ich werde Dir und Deiner Frau alle Wünsche erfüllen!" „Nun ja“, sagte der Immobilienmakler, „meine Frau und ich, wir hätten doch gerne ein Häuschen ein bisschen näher am Meer. Es gibt da so ein Neubaugebiet in ***siel, da hätte ich gerne ein typisch ostfriesisches Backsteinhaus.“
„Okay“, sagte der Butt, „wenn’s weiter nichts ist!“



„Na ja“, sagte der Immobilienmakler, „ein Garten sollte natürlich schon dabei sein, mit einer Blumenrabatte zur Straße hin, damit es auch ordentlich Eindruck macht.“
„Genehmigt“, sagte der Butt.

„Wobei“, dachte der Immobilienmakler laut nach, „wenn die Terrasse zur Straße geht, dann sollte sie auch blickdicht abgeschirmt sein. Schließlich soll nicht jeder sehen können, wen ich gerade zu Besuch habe. Ich wünsche mir daher eine blickdichte und wetterfeste Plexiglas-Konstruktion um meine Terrasse herum.“
„Das lässt sich machen“, seufzte der Butt.

„Wichtig ist aber auch“, schob der Immobilienmakler nach, „dass der Rasen immer ordentlich gemäht ist. Man möchte ja schließlich von den Nachbarn nicht schief angeschaut werden, wie schnell ist man als Hippie oder Öko verschrien! Ich brauche unbedingt einen Rasenmäher-Roboter, am liebsten den Husqvarna Mähroboter Automower 450X.“
„Ist gut“, versprach der Butt, „von dem habe ich auch nur Gutes gehört.“
„Wenn man es recht bedenkt“, spann der Immobilienmakler den Faden weiter, „regnet es doch ziemlich oft hier in an der Nordsee. Das würde dem empfindlichen Gerät wahrscheinlich schaden. Und wenn ich schon einen Rasenmäher-Roboter habe, der sich sozusagen selbständig um die korrekte Länge meines Rasens kümmert, habe ich doch keine Lust, das Ding immer aus dem Haus in den Garten zu tragen und dann wieder hinein. Da könnte ich ja gleich selbst mähen oder mir einen Hund kaufen.“
„War’s das jetzt?“, knurrte der Butt. „Mir ist etwas zu unbequem für so lange Unterhaltungen.“
„Ich hab’s!“, rief der Immobilienmakler freudig aus, „mein letzter Wunsch: eine Garage für Mähroboter!“ Und er strahlte.
Der Butt verzog sein breites Butt-Maul und nickte ergeben.


Dienstag, 11. Juni 2019

Bilderbuch-Gedichtinterpretation

Was machen Deutschlehrer in den Ferien? Natürlich Gedichte interpretieren.

Bei dem Gedicht 'Wenn kleine Tiere schlafen gehen' von Anne-Kristin zur Brügge handelt es sich um ein insgesamt achtstrophiges Werk, dessen letzte Strophe sich durch einen deutlich erhöhten Umfang von den anderen Strophen abhebt. Editionstechnisch nimmt auch die erste Strophe eine Sonderstellung ein, da sie auf der Buchrückseite abgedruckt und somit scheinbar inhaltlich nachgeordnet ist. Tatsächlich handelt es sich bei diesen vier im Paarreim gereimten Versen um die Einleitung in das Gedicht: Es werden Raum und Zeit (V. 1: "Im sanften Mondschein") sowie das Thema, nämlich die Art und Weise, wie kleine Tiere - also Jungtiere, nicht kleinwüchsige Tiere - einschlafen (V. 1f.: "kannst du sehen/ wie kleine Tiere schlafen gehen"), angesprochen; auch die Adressierung an ein "du" (V. 1), also den impliziten Rezipienten, wird hier direkt deutlich. Sie wird in der Schlussstrophe wieder aufgenommen.
Die in der hier angenommenen Reihenfolge sich an diese einführende Strophe anschließenden sechs aus vier im Paarreim angeordneten Strophen folgen einem ähnlichen Muster: sie alle berichten den Vorgang, dass ein tierisches Elternteil sein Tierjunges durch verschiedene Handlungen zum Einschlafen bewegt. Die folgenden Tiere werden dabei vorgestellt: Löwe, Maus, Affe, Eule, Katze und Igel. Wie sich zeigt, handelt es sich also weder ausschließlich um heimische noch nur um exotische Tiere, Fleischfresser sind ebenso vertreten wie Pflanzenfresser; auch die Größe der Tiere in ihrer ausgewachsenen Form variiert gewaltig - von der Maus über Igel, Katze und Eule, den nicht näher definierten Affen bis hin zur Großkatze, dem Löwen. Gemeinsam ist den Tieren lediglich, dass sie außer der Eule alle aus der Familie der Säugetiere stammen, was nicht weiter verwunderlich ist, da für die Thematik des Gedichts die Aufzucht der Jungiere durch die Eltern gewissermaßen konstitutiv ist. (Familienähnlichkeiten über die Zugeörigkeit zu den Säugetieren hinaus sind nur noch für die der Familie der Katzenartigen für die "Katze" [gemeint ist mutmaßlich die Hauskatze, Felis silvestris catus] sowie den Löwen [Panthera leo] zu konstatieren, die jedoch unterschiedlichen Unterfamilien zugerechnet werden [Kleinkatzen {Felinae} bzw. Großkatzen {Pantherinae}] und zudem durch drei Strophen voneinander getrennt sind [Strophe II bzw. VI]. Bemerkenswert ist überdies, dass Mäuse in das Beuteschema von Katzen, Eulen und Igeln gehören. Die Absonderung der von den Mäusen handelnden Strophe III von den Strophen V-VII durch die vom Affen handelnde Strophe IV erscheint somit zoologisch geboten.)
Wenn wir nun die Protagonisten der verschiedenen Strophen in den Blick nehmen, so stellen wir fest, dass die Dichterin sich um ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis bei der Darstellung der Tier-Eltern bemüht zu haben scheint: in den Strophen II bis V scheint das grammatische Geschlecht demjenigen des tierischen Elternteils zu entsprechen, ohne dass hierzu etwas Genaueres gesagt wird. Anders ist dies in den Strophe VI und VII, in denen ausdrücklich vom "Kater" (VI, 1) und "Papas Bein" (VI, 4) sowie der "Igelmutter" (VII, 1) die Rede ist.
Divergent ist das Bild, das sich bietet, wenn man die Darstellung der tierischen Einschlafrituale näher betrachtet: Einerseits versucht die Dichterin, durch die Verwendung spezifischer Termini wie "Pfote" (II, 3), "Fell" (II, 4), "Küken" (V, 1), "Nest" (V, 2) und "Tatze" (VI, 1), der Schilderung typischer Verhaltensweisen - wie des Flöhens bei den Affen (vgl. Strophe IV) und des Laubaufschüttens bei den Igeln - , sowie die Nachahmung ("Schuhu schuhu", V, 3) oder Benennung ("schnurrend", VI, 3) tierischer Laute eine authentische Atmosphäre herzustellen. Andererseits lässt sie sich mehrfach zur Vermenschlichung tierischer Verhaltensweisen hinreißen, indem sie die Maus ein Schlaflied singen (III, 3!) oder die Eule "ich hab dich lieb" (V, 3!) sagen lässt.
Die Absicht hinter diesen Abweichungen von der naturalistischen Darstellungsweise wird schließlich in der bisher nicht besprochenen aber wie schon erwähnt hervorstechenden Schlussstrophe deutlich: denn hier werden in einer überraschenden Wendung die Vorgehensweisen der Tiere auf das Einschlafverhalten des Rezipienten, bei dem es sich, wie sich nun herausstellt, um das Kind der Dichterin handelt, bezogen, und aus jeder der die Verhaltensweise eines tierischen Elternteils beschreibenden Strophen eine Aktivität herausgenommen, auf das Kind appliziert und somit eine den Schlaf befördernde Wirkung impliziert. Im Einzelnen handelt es sich um folgende, in der Strophe jeweils einen Vers einnehmende Handlungen: übers-Fell-streichen (wie der Löwe), das-Ohr-kraulen (wie die Maus), Flo-vom-Po-zupfen (wie der Affe), festhalten (wie die Eule), Bauch-streicheln (wie die Katze) und Nase-anstupsen (wie der Igel). Es zeigt sich, dass diese kunstvolle Verknüpfung genau parallel zur vorherigen Anordnung der Strophen verläuft! Zusammen mit zwei einleitenden und zwei abschließenden Versen ergibt sich für diese letzte Strophe eine Versanzahl von zehn. Die abschließenden Verse münden in die Schilderung einer zusätzlichen Handlung, nämlich den "Schmuse-Kuschel-Einschlaf-Kuss" (VIII, 10). Mit diesem Neologismus endet das Gedicht. Der Vers bewirkt zweierlei: er erklärt die gesamte Beschreibung der Handlungen als durch den Vortragenden selbst auszuführende, so dass also an letzter Stelle der Gute-Nacht-Kuss zu stehen habe; zugleich bewirkt der aus nur einem Wort bestehende letzte Vers eine große Müdigkeit beim Rezipienten, die bei glücklichem Einsatz dazu führt, dass er einschläft.
Zur Unterstützung dieses Vorhabens hätte eine höhere Anzahl an klingenden Kadenzen mutmaßlich Einiges beigetragen. Die Kadenzen der Reime sind fast ausschließlich männlich. Klingende Kadenzen sind nur in der Eingangs- ("sehen" - "gehen") und der Katzenstrophe ("Tatze" - "Katze") zu finden.

Die zweifelsohne wünschenswerte Miteinbeziehung der bildlichen Darstellungen konnte im Rahmen dieser Untersuchung leider nicht geleistet werden.

Dienstag, 21. November 2017

Fachbücher und Küchenkram

Tübingen - Universitätsstadt. Die Universitätsbuchhandlung: seit 1596 Osiander, der Platzhirsch. Das zentrale Geschäft, die Hauptniederlassung, befand sich seit Jahren in der Wilhelmstraße, auf der sich zahlreiche Fakultäten und Seminare aneinanderreihen: von der juristischen Fakultät bis zum Seminar für Sinologie und Koreanistik. Überdies befand sich selbiges Hauptgeschäft nur wenige Meter vor der zentralen Bushaltestelle Wilhelmstraße, an der durch den nur in einer Richtung befahrbaren Innenstadt-Ring alle Busse halten müssen.
Die Buchhandlung Osiander kennt eigentlich nur eine Richtung: nach vorn. Seit Jahren expandiert sie im gesamten süd(west)deutschen Raum, übernimmt in diesem Jahr sogar Filialen in Bamberg und Fürth. In Tübingen wurde vor einiger Zeit auch die ehemals eigenständige Buchhandlung Tabula am Holzmarkt übernommen. In unmittelbarer Nähe zum Antiquariat Heckenhauer, in dem Hermann Hesse seine Buchhändler-Lehre absolvierte, zeichnet sich "Osiander Aktuell" seitdem durch ein besonders "niedrigschwelliges", sprich niveauarmes Sortiment aus. Gleiches gilt für die Zweigstelle an der Neckarbrücke, die eine Art zweite Bahnhofsbuchhandlung darstellt ("Osiander City"). Auf der anderen Seite steht die Schließung der Filiale auf der Morgenstelle, die v.a. naturwissenschaftliche Fachliteratur vertrieb, im Jahr 2013.
Nun aber ist das Tübinger Osiander-Netz endgültig umgebaut worden: die bisherige Hauptniederlassung in der Wilhelmstraße wurde geschlossen. Etwa einen Monat zuvor wurde das bisher von einem Eisenwaren-Geschäft genutzte Haus in der Metzgergasse 15 in eine eigene Kinderbuchhandlung umgewandelt. Diese Entfernung der Kinderbücher aus der bereits länger bestehenden "Gemischtwaren"-Osiander-Filiale in der Metzgergasse 25 war gewissermaßen der vorbereitende Schachzug zur Schließung der bisherigen Hauptniederlassung. Die bisher in der Wilhelmstraße angesiedelten Fachbücher (inkl. anspruchsvoller Literatur) wurden dorthin verlagert. Gefeiert wurde zweimal: einmal die Neueröffnung von "Osiander Kids" (!!!), einmal die "Neueröffnung" der Filiale in der Metzgergasse 25 mit einverleibtem Wilhelmstraßen-Sortiment - auch wenn in diesem Fall eigentlich keine Neueröffnung erfolgt ist, höchstens eine Neuöffnung und v.a. eine Schließung. Die wird aber normalerweise nicht gefeiert. Gefeiert wurde aber eifrig: mit einem der entsprechenden Samstagsausgabe des Schwäbischen Tagblatts beigelegten Gutschein, der sich auf alles außer Bücher bezog:

Was mag es in einer Buchhandlung geben, das nicht der Buchpreisbindung unterliegt?


Außerdem gab es ein Sonderangebot zur Umeröffnung, bezeichnenderweise ein als "Kitchen Craft" bezeichnetes Küchenutensil.

Bücher seit 1596 - "Kitchen Craft"

Als Gründe für diese Neuordnung wurden genannt: 1) Der Laden gegenüber der bereits bestehenden Filiale wurde frei. 2) Der Umsatz in der bisherigen Hauptniederlassung ging zurück, angeblich, weil Studierende und sonstige Universitätsangehörige ihre Literatur nicht mehr vor Ort kauften. In der Sonderveröffentlichung der Zeitung wurde eigens darauf verwiesen, dass das Stammhaus seit seiner Gründung schon mehrfach neue Räume bezogen habe. Das klingt schon fast nach schlechtem Gewissen.
Die Verramschung des eigenen Anspruchs war aber auch im bisherigen Stammhaus seit Längerem vorbereitet worden. So wurden die teilweise sorgfältig thematisch gestalteten Schaufenster durch Ramschkästen mit überholten Auflagen von Wörterbüchern und Reiseführern, Malbüchern und billigen Bildbänden zugestellt. Die neue Hauptfiliale bedeutet diesbezüglich einen signifikanten Zuwachs von Ramschkastenmetern.

Ist diese ganze Darstellung nur relevant für die Tübinger Situation? Ich glaube nicht: die veränderte Schwerpunktsetzung ist überall im Buchhandel zu spüren. In anderen Städten war die Entwicklung weg vom (anspruchsvollen) Buch und hin zu Kalendern, Kochbüchern, Topflappen und Spätzleshaker vermutlich sogar noch früher vollzogen worden.
Zusamenfassend lässt sich sagen: wer sich für Fachbücher und anspruchsvolle Literatur interessiert, wird wohl kaum den zwischenzeitlich durch rote Fußspuren auf dem Gehweg markierten Umweg in die Metzgergasse machen, sondern den direkten Weg zu Gastl oder HPWilli finden.
Ich fürchte ja, mit den Buchhandlungen ist es ein bisschen so wie mit den Kirchen: sind sie erst mal aus dem näheren Blickfeld verschwunden, erinnert sich kaum einer noch daran, dass es mal Gründe gab, dort hinein zu gehen.

Dienstag, 15. November 2016

Flächenfraß

Jetzt ist eine der letzten freien Flächen Tübingens dran: die Wiese zwischen Hagellocher Weg und B28 Richtung Herrenberg, Weilerbach und Aldi. Die Bagger sind schon da, zur Freude meines Sohnes. Immer wenn ich dort vorbei gekommen bin, habe ich mich gefreut, wie herrlich nutzlos diese Wiese doch da lag: total zugewachsen mit Gestrüpp: Disteln, Brennnesseln, wilden Brombeeren und Kletten.
"Ich setze mich auf eine Holzbank und schaue auf das Gestrüpp neben der Bank. Es gefällt mir sehr gut, weil es nichts als sein eigenes Ausharren ausdrückt. […] Schon das Wort Gestrüpp beeindruckt mich. Es ist vielleicht das Wort für die Gesamtmerkwürdigkeit allen Lebens, nach dem ich schon so lange suche." (Wilhelm Genazino, Ein Regenschirm für diesen Tag, S. 93f.)
Kein Wunder, dass man am Rand der Wiese immer wieder Greifvögel beobachten konnte: sie werden sich nun ein neues Jagdrevier suchen müssen, genauso wie die bisherigen Bewohner eine neue Heimat... Grabowski lässt grüßen!

Donnerstag, 7. Januar 2016

Knausgårds Titel

Die Bücher von Karl Ove Knausgård gehörten zu meinen wichtigsten Entdeckungen des zu Ende gehenden Jahres - und nicht nur zu meinen: in der ersten Ausgabe des neu belebten literarischen Quartetts wurde der zuletzt auf Deutsch erschienene fünfte Band durch Volker Weidermann, den Moderator der Sendung, in die Runde eingebracht. Dieser Band trägt in Deutschland den Titel 'Träumen' und folgt damit auf Sterben, Lieben, Spielen und Leben. (Der sechste Band ist noch nicht übersetzt.) 


Diese Art der Titelgebung wirkt auf mich in ihrer simplen Benennung grundlegender Zustandsverben zugleich kindisch wie nichtssagend, wobei sich letzterer Eindruck nach der Lektüre der Romane noch verstärkt. So geht es im ersten Band eben nicht um das Sterben des Vaters, sondern um dessen Tod und den Umgang des Erzählers mit diesem.
Im norwegischen Original trägt das sechsteilige Werk den Titel 'Min kamp' und die einzelnen Teile werden nur durchgezählt (Første bok, Andre bok...). Die genaue Übersetzung wäre also 'Mein Kampf'. Und obwohl Knausgård damit bis zum Erscheinen der wissenschaftlich kommentierten Ausgabe von Hitlers Hetzschrift im letzten Jahr eigentlich in jeder Online-Buchhandlung als erster Treffer hätte erscheinen müssen, erst recht im Bereich Belletristik, lehnte der deutsche Verleger es ab, Knausgårds Werk unter diesem Titel zu vertreiben (dazu ein interessanter Artikel im New Yorker).


Es ist ja nicht so, als könnte ich diese Entscheidung nicht nachvollziehen. Die Provokation, die auch im Norwegischen deutlich wird, ist im deutschsprachigen Raum deutlich größer und schwerer zu ertragen. Und eben deshalb hat sich mir die Frage gestellt: wie gehen die Übersetzer in anderen Sprachräumen mit dem Titel-Problem um? Gibt es eine einheitliche Tendenz in den germanisch- und den romanischsprachigen Ländern?
In den meisten Sprachen wird der Titel des Gesamtwerks zumindest im Untertitel mitgeführt. Dabei ist die Formulierung jeweils die gleiche, die auch für das Hitler-Buch verwendet wird: 'My Struggle' im Englischen, 'Mon Combat' im Französischen, 'Mi lucha' im Spanischen und im Italienischen 'La mia lotta'. Nur im Niederländischen scheint dies anders zu sein, da Knausgårds Werk als 'Mijn strijd' geführt wird, während das angespielte Buch 'Mijn kamp' heißt.
Bis auf die dem Norwegischen sehr nahverwandten skandinavischen Sprachen, die den Titel direkt übernehmen, sind aber in allen Übersetzungen eigene Titel für die einzelnen Bände vergeben worden: Im Englischen lauten sie 'A Death in the Family' oder 'A Man in Love'.


Im Niederländischen wurden ähnlich wie im Deutschen jeweils aus einem Wort bestehende Titel vergeben, hier aber Substantive statt (substantivierten) Verben: Vader, Liefde, Zoon, Nacht, Schrijver und Vrouw.


Im Französischen wird der Reihentitel 'Mon Combat' nicht mitgeführt; die ersten drei Bände tragen die Titel 'La Mort d'un père', 'Un homme amoureux' und 'Jeune homme'. Im Spanischen sind die Titel genau entsprechend, so dass sich mir die Frage stellt, ob sie womöglich aus dem Französischen statt aus dem Norwegischen übersetzt worden sind: 'La muerte del padre' und 'Un hombre enamorado'. Der dritte Band ist allerdings unter dem Titel 'La isla de la infancia' angekündigt.


Bleibt noch das Italienische: Hier gibt es zwei verschiedene Ausgaben. Im Verlag Ponte alle Grazie wird nur der Reihentitel verwendet. In der neueren Feltrinelli-Ausgabe begegnen hingegen die zum Teil aus dem Englischen, Französischen und Spanischen bekannten Titel 'La morte del padre', 'Un uomo innamorato' und 'L'isola dell'infanzia'.


Zusammenfassend lässt sich sagen: es gibt drei Tendenzen. In der skandinavischen werden die Bände unter dem Reihentitel 'mein Kampf' durchgezählt, in der romanischen trägt jeder Band einen sprechenden Titel und in der deutsch-niederländischen sind diese Titel auf ein Wort beschränkt.
Meiner persönlichen Meinung nach ist die deutsche Version dabei die dämlichere, was v.a. in der Benennung des ersten Bandes (Nld. 'Vater' vs. Dt. 'Sterben') und des dritten Bandes (Nld. 'Sohn' vs. 'Spielen') deutlich wird. Vermutlich hat man sich Marketing-technisch an den Titeln skandinavischer Krimi-Bestseller-Autoren wie Jussi Adler-Olsen orientiert.