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Mittwoch, 25. März 2020

Lieblingsplätze in Tübingen

Wenn man sich nicht bewegen darf wie sonst, denkt man sich 'raus.
Die Idee zu diesem Text hatte ich schon vor zweieinhalb Jahren im Herbst, als die Tage kürzer wurden, liebe Freunde sich überlegten, wegzuziehen, und immer klarer wurde, dass auch wir nicht ewig in unserer Wohnung wohnen würden bleiben können, da sie jeden Tag ein bisschen kleiner wurde.Wir wussten also nicht, ob auch für uns bald der Tag kommen würde, an dem wir uns von Tübingen verabschieden müssten.
Im Schwäbischen Tagblatt wurden Politiker und sonstige Prominente damals für Porträts gerne nach ihrem Lieblingsplatz in Tübingen befragt. Da ich weder das eine noch das andere bin oder in absehbarer Zeit sein werde, äußere ich mich einfach mal auf meinem eigenen Blog dazu. Durch die Umstände ist es mehr eine Reise in die Vergangenheit als in die Ferne, denn Lieblingsorte haben immer etwas mit den Momenten zu tun, die wir dort verbracht haben (Chronotopos).
1) An der Kreuzung der Nauklerstraße mit der Melanchthonstraße im Eckhaus gibt es einen kleinen Bäcker, früher betrieben von der Tübinger Bäckerei Gauker. Er war der nächste Bäcker zum Brechtbau und ich habe dort ungezählte Tassen Kaffee getrunken, Butterbrezeln und Apfelballen gegessen. Zeitweise lag er auch auf meinem Weg nach Hause und ich kaufte dort Brot ein. Der schönste Platz war damals ein Tisch mit zwei Stühlen, der vor dem Bäcker auf dem Gehsteig stand. Am besten saß man dort morgens im Frühsommer, wenn es noch ein wenig frisch ist. In regelmäßigen Abständen schwappten Studenten von der Haltestelle Mohlstraße herunter, in den Bäcker hinein und weiter über die Wilhelmstraße und in die Fakultäten. Der Ort vereinte die Ruhe einer Wohngegend mit dem urbanen Flair der Universitätsstadt.

Bildquelle unten

2) Wenn man im Sommer abends in der Stadt draußen Bier trinken möchte, geht man zum Beispiel in die Gasthausbrauerei Neckarmüller in den großen Biergarten direkt am Fluss. Wenn man dabei aber die Gruppen von Betrunkenen und/oder JunggesellInnen-Abschieden sowie die Schnaken anziehende Beleuchtung vermeiden will, kann man eine von zwei Bänken ansteuern, die auf der anderen Seite des Biergartens stehen. Von dort hat man einen wunderschönen Blick auf das Neckarparkhaus und das Hotel Domizil. Es ist die erwachsene Weiterentwicklung des Herumgammelns auf Spiel- und Parkplätzen, denn die Versorgung mit Bier vom Fass ist gesichert - nicht ganz billig aber umweltfreundlich. 
3) Den dritten Lieblingsplatz verbinde ich mit meiner ersten Elternzeit. Es ist die Eisdiele vor dem Haagtor. Hier kam ich immer mit dem Kinderwagen vorbei, wenn ich in die Stadt ging - und oft ging ich daran nicht vorbei, ohne mir eine Waffel mit Vanilleeis und Amarena Kirsch zu kaufen. Wenn man das Eis direkt vor Ort essen möchte, kann man sich auf einen von circa sieben Stühlen setzen, die alle unterschiedlich sind, oder auf eine lange leicht angemoderte Bank unter dem Baum, der gegenüber der Eisdiele steht. Auch auf diesem Platz herrscht ein reges Kommen und Gehen. Es gibt Bewegung von Fahrrädern und Fußgängern, die durch den Fahrradtunnel kommen und gehen, viele auf dem Weg zum Freibad und entsprechender Stimmung, aber es ist selten laut oder hektisch. Wenn das Kind ein bisschen größer ist, kann es auf der modrigen Bank herumklettern, und wenn es noch größer ist, möchte es selbst ein Eis und auf den Spielplatz gegenüber.

Bildquelle: Bild von <a href="https://pixabay.com/de/users/markusspiske-670330/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=595478">Markus Spiske</a> auf <a href="https://pixabay.com/de/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=595478">Pixabay</a>

Dienstag, 11. Juni 2019

Bilderbuch-Gedichtinterpretation

Was machen Deutschlehrer in den Ferien? Natürlich Gedichte interpretieren.

Bei dem Gedicht 'Wenn kleine Tiere schlafen gehen' von Anne-Kristin zur Brügge handelt es sich um ein insgesamt achtstrophiges Werk, dessen letzte Strophe sich durch einen deutlich erhöhten Umfang von den anderen Strophen abhebt. Editionstechnisch nimmt auch die erste Strophe eine Sonderstellung ein, da sie auf der Buchrückseite abgedruckt und somit scheinbar inhaltlich nachgeordnet ist. Tatsächlich handelt es sich bei diesen vier im Paarreim gereimten Versen um die Einleitung in das Gedicht: Es werden Raum und Zeit (V. 1: "Im sanften Mondschein") sowie das Thema, nämlich die Art und Weise, wie kleine Tiere - also Jungtiere, nicht kleinwüchsige Tiere - einschlafen (V. 1f.: "kannst du sehen/ wie kleine Tiere schlafen gehen"), angesprochen; auch die Adressierung an ein "du" (V. 1), also den impliziten Rezipienten, wird hier direkt deutlich. Sie wird in der Schlussstrophe wieder aufgenommen.
Die in der hier angenommenen Reihenfolge sich an diese einführende Strophe anschließenden sechs aus vier im Paarreim angeordneten Strophen folgen einem ähnlichen Muster: sie alle berichten den Vorgang, dass ein tierisches Elternteil sein Tierjunges durch verschiedene Handlungen zum Einschlafen bewegt. Die folgenden Tiere werden dabei vorgestellt: Löwe, Maus, Affe, Eule, Katze und Igel. Wie sich zeigt, handelt es sich also weder ausschließlich um heimische noch nur um exotische Tiere, Fleischfresser sind ebenso vertreten wie Pflanzenfresser; auch die Größe der Tiere in ihrer ausgewachsenen Form variiert gewaltig - von der Maus über Igel, Katze und Eule, den nicht näher definierten Affen bis hin zur Großkatze, dem Löwen. Gemeinsam ist den Tieren lediglich, dass sie außer der Eule alle aus der Familie der Säugetiere stammen, was nicht weiter verwunderlich ist, da für die Thematik des Gedichts die Aufzucht der Jungiere durch die Eltern gewissermaßen konstitutiv ist. (Familienähnlichkeiten über die Zugeörigkeit zu den Säugetieren hinaus sind nur noch für die der Familie der Katzenartigen für die "Katze" [gemeint ist mutmaßlich die Hauskatze, Felis silvestris catus] sowie den Löwen [Panthera leo] zu konstatieren, die jedoch unterschiedlichen Unterfamilien zugerechnet werden [Kleinkatzen {Felinae} bzw. Großkatzen {Pantherinae}] und zudem durch drei Strophen voneinander getrennt sind [Strophe II bzw. VI]. Bemerkenswert ist überdies, dass Mäuse in das Beuteschema von Katzen, Eulen und Igeln gehören. Die Absonderung der von den Mäusen handelnden Strophe III von den Strophen V-VII durch die vom Affen handelnde Strophe IV erscheint somit zoologisch geboten.)
Wenn wir nun die Protagonisten der verschiedenen Strophen in den Blick nehmen, so stellen wir fest, dass die Dichterin sich um ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis bei der Darstellung der Tier-Eltern bemüht zu haben scheint: in den Strophen II bis V scheint das grammatische Geschlecht demjenigen des tierischen Elternteils zu entsprechen, ohne dass hierzu etwas Genaueres gesagt wird. Anders ist dies in den Strophe VI und VII, in denen ausdrücklich vom "Kater" (VI, 1) und "Papas Bein" (VI, 4) sowie der "Igelmutter" (VII, 1) die Rede ist.
Divergent ist das Bild, das sich bietet, wenn man die Darstellung der tierischen Einschlafrituale näher betrachtet: Einerseits versucht die Dichterin, durch die Verwendung spezifischer Termini wie "Pfote" (II, 3), "Fell" (II, 4), "Küken" (V, 1), "Nest" (V, 2) und "Tatze" (VI, 1), der Schilderung typischer Verhaltensweisen - wie des Flöhens bei den Affen (vgl. Strophe IV) und des Laubaufschüttens bei den Igeln - , sowie die Nachahmung ("Schuhu schuhu", V, 3) oder Benennung ("schnurrend", VI, 3) tierischer Laute eine authentische Atmosphäre herzustellen. Andererseits lässt sie sich mehrfach zur Vermenschlichung tierischer Verhaltensweisen hinreißen, indem sie die Maus ein Schlaflied singen (III, 3!) oder die Eule "ich hab dich lieb" (V, 3!) sagen lässt.
Die Absicht hinter diesen Abweichungen von der naturalistischen Darstellungsweise wird schließlich in der bisher nicht besprochenen aber wie schon erwähnt hervorstechenden Schlussstrophe deutlich: denn hier werden in einer überraschenden Wendung die Vorgehensweisen der Tiere auf das Einschlafverhalten des Rezipienten, bei dem es sich, wie sich nun herausstellt, um das Kind der Dichterin handelt, bezogen, und aus jeder der die Verhaltensweise eines tierischen Elternteils beschreibenden Strophen eine Aktivität herausgenommen, auf das Kind appliziert und somit eine den Schlaf befördernde Wirkung impliziert. Im Einzelnen handelt es sich um folgende, in der Strophe jeweils einen Vers einnehmende Handlungen: übers-Fell-streichen (wie der Löwe), das-Ohr-kraulen (wie die Maus), Flo-vom-Po-zupfen (wie der Affe), festhalten (wie die Eule), Bauch-streicheln (wie die Katze) und Nase-anstupsen (wie der Igel). Es zeigt sich, dass diese kunstvolle Verknüpfung genau parallel zur vorherigen Anordnung der Strophen verläuft! Zusammen mit zwei einleitenden und zwei abschließenden Versen ergibt sich für diese letzte Strophe eine Versanzahl von zehn. Die abschließenden Verse münden in die Schilderung einer zusätzlichen Handlung, nämlich den "Schmuse-Kuschel-Einschlaf-Kuss" (VIII, 10). Mit diesem Neologismus endet das Gedicht. Der Vers bewirkt zweierlei: er erklärt die gesamte Beschreibung der Handlungen als durch den Vortragenden selbst auszuführende, so dass also an letzter Stelle der Gute-Nacht-Kuss zu stehen habe; zugleich bewirkt der aus nur einem Wort bestehende letzte Vers eine große Müdigkeit beim Rezipienten, die bei glücklichem Einsatz dazu führt, dass er einschläft.
Zur Unterstützung dieses Vorhabens hätte eine höhere Anzahl an klingenden Kadenzen mutmaßlich Einiges beigetragen. Die Kadenzen der Reime sind fast ausschließlich männlich. Klingende Kadenzen sind nur in der Eingangs- ("sehen" - "gehen") und der Katzenstrophe ("Tatze" - "Katze") zu finden.

Die zweifelsohne wünschenswerte Miteinbeziehung der bildlichen Darstellungen konnte im Rahmen dieser Untersuchung leider nicht geleistet werden.

Montag, 31. Dezember 2018

Dinner for four

Silvester, Abendessen:
Ich versuche, mit meiner Frau ein Gespräch zu führen. Sohn 1 fällt mir ungeniert ins Wort. Ich weise Sohn 1 zurecht: "Ich spreche gerade noch mit der Mama." Sohn 2 hat Teile seines Nachtisches auf den Boden geworfen. Ich spreche weiter zu meiner Frau, doch meine Frau ist unter dem Tisch verschwunden. Ich wende mich Sohn 1 zu, frage ihn, was er mir sagen wollte. "Also, ähm, Findus ist in ein Eisloch gefallen, wir müssen den Lego-Hubschrauber wieder aufbauen, ich weiß nicht." Ich wende mich Sohn 2 zu, er sitzt mittlerweile auf dem Boden zwischen all dem Lego, Playmobil, Duplo, Kinderbüchern und Puzzles und sagt immerzu "alle Lieder". Ich sage: "Du meinst 'alle Jahre wieder'?" und singe "Alle Jahre wieder kommt das Christuskind." "Nein, alle Lieder." Sohn 1: "Papa, er meint 'alle Lieder'." "???"

Meine erste Gesprächspartnerin verschwindet, mein zweiter Gesprächspartner weiß nicht mehr, was er sagen sollte, und ich weiß nicht, was mein dritter Gesprächspartner sagen wollte.
Same procedure...





Frohes Neues!

Donnerstag, 28. Dezember 2017

Gschichten aus Valencia

Während sich Eltern in metereologisch benachteiligten Breiten um kreative Lösungen bemühen muss, wie man den Nachwuchs davor bewahren kann, jetzt endgültig die väterliche CD- und Schallplattensammlung in Lego- und Bauklötze-Konstruktionen miteinzubeziehen, können die GenossInnen in südlichen Gefilden ihre lieben Kleinen ganzjährig auf den säuberlich mit Kunstrasen ausgekleideten Spielplatz geleiten und sich dortselbst eine heiße Schokolade mit Süßkram schmecken lassen. Hmmm! Denkste! Bei sanften 18 in der zweiten Dezemberhälfte kann es diesen bemitleidenswerten Leidensgenossen geschehen, dass sie am geschlossenen Tor zum größten Park der Stadt von einem lieblos mit OpenOffice Writer auf Valencianisch geschriebenen Schild rüde abgewiesen werden, auf dem steht: Park geschlossen wegen meterologischen Alarms.
Ja nun. Was bleibt einem da? Müssen sie halt ins Möbelhaus oder an den Strand, die pares valencians...
Dieser lieblosen Stadtverwaltung empfehle ich mal einen Kuraufenthalt an der Nordsee. Egal zu welcher Jahreszeit. 

Man beachte den grauen Himmel und die sturmgebeugten Bäume.


Park und Straßen stehen verlassen - eigentlich nur Park.

Gschichten ausm Möbelhaus

Eltern kennt das: es sind (Weihnachts-) Ferien oder es ist Wochenende, Kita und Kindi haben geschlossen, und pünktlich schlägt das Wetter um. Kein Spielplatz, kein Wildpark, kein Stadtbummel möglich, und selbst das Babycafé hat am Wochenende geschlossen. Doch zumindest für verregnete Sams- und Ferientage hat sich in unserer kleinen Familie  eine Alternative etabliert: das Möbelhaus. Damit meine ich nicht Ikea, wo man samstags der realistischen Gefahr ausgesetzt ist, zerquetscht zu werden. Ein Möbelhaus traditioneller Art dagegen hat für Familien mit kleinen Kindern große Vorteile: es ist weitläufig und bietet viel Platz zum Rennen/Krabbeln; überall ist Teppichboden verlegt; für die überwachenden (und übernächtigten) Erziehungsbeauftragten gibt es reichlich bequeme Sitzmöglichkeiten (Stressless!); in der Küchen- und der Deko-Abteilung finden sich zudem lustige und nutzlose Gegenstände, die man stundenlang betrachten kann.

Vor allem aber hat seit Ikeas Erfolg mit Hot Dog, Kötbullar & Co. nahezu jedes Möbelhaus auch ein Restaurant, in dem paniertes Schnitzel, Linsen und Spätzle oder Maultaschen mit Kartoffelsalat serviert werden. Schon bei den Pionieren ist die Taktik ziemlich durchschaubar, sind doch das Hot Dog für einen Euro oder der für Inhaber der Family Card kostenlose Kaffee eigentlich kein rationaler Grund für eine Fahrt in die Peripherie. Das Möbelhaus unseres Vertrauens aber hat diese Strategie noch übertroffen: an "Stammkunden" werden alle paar Monate Gutscheine für Snacks oder kleine Gerichte verschickt: im Sommer ein kleines gemischtes Eis, im Herbst ein Paar Weißwürste und ein Glas Bier, im Winter Kaffee und Kuchen... Nicht wenige Kunden sind so blöd, sich davon verleiten zu lassen, am Samstag einen Ausflug ins Möbelhaus zu machen. Nicht wenige davon befinden sich jenseits der Pensionsgrenze. Bei ihnen habe ich allerdings meist den Eindruck, dass sie tatsächlich nur kommen, um auf dem kostenlos zu parken, das Gutschein-Essen missmutig in sich hineinzumampfen ohne mit dem Ehepartner ein Wort zu wechseln und dabei böse die Familien zu beäugen, die es wagen, ihre Kinder ohne Leine durch die Tischreihen rennen zu lassen.
Noch blöder wird man nur angeguckt, wenn man nicht das Gutschein-Essen vor sich auf dem Tisch stehen hat: Es fühlt sich ein bisschen so an, wie das Eintreten in einen Saloon im Wilden Westen oder in eine Bar im spanischen Inland. 
Ich könnte jetzt behaupten, wir hätten uns weder für die Käse-Wurst-Platte und ein Glas Rotwein, noch  für deren Kostenlosigkeit interessiert. Diese mediterran wirken wollende Pseudo-Delikatesse, 5 Käse- und 6 Salamistückchen, dazu ein Plastikbecher Wein... Die traurige Wahrheit ist aber, wir hatten den Gutschein vor lauter Windeln, Wechselkleidern, Wasserflaschen, Spielsachen, Buggy und Kinderwagen zu Hause vergessen. Und das, wo wir diesen bedeutsamen Ausflug schon Tage vorher geplant, den Ablauf des Wochenendes darauf abgestimmt und uns einen Vorwand dafür ausgedacht hatten (Rührschüssel!), warum wir denn überhaupt wieder mal den Weg zum Möbelhaus hätten nehmen sollen - abgesehen vom Gutschein-Essen! Aber kaum hatten wir die Bundesstraße erreicht, fiel uns ein: der Gutschein hängt noch an der heimischen Pinnwand.
Nun ja. Bei Schnitzel mit Pommes Frittes für 5,90 Euro kann man den vergessenen Gutschein auch schon mal verschmerzen. Aber die Rentnergangs haben uns mit einer sozialwissenschaftlich interessanten Mischung aus Schadenfreude und Neid hinterhergesehen. Eines steht aber fest: selbst ohne Gutschein und trotz des Erwerbs eines neuen Küchenutensils (Kitchen Craft?!) ist der Besuch eines Möbelhauses günstiger als der eines Indoor-Spielplatzes. 

Samstag, 28. Oktober 2017

Herbst 2017

Seit letzter Woche werden die großen überall in der Stadt verteilten Blumenampeln und Blumenkästen abgehängt. Am Freitag hat mein Großer seinen letzten Tag in der Kita verbracht. Er wird drei Jahre alt und wechselt nun in den Kindergarten. Zwei Jahre hat er in der liebgewonnenen Einrichtung verbracht, die sich am Rand der Altstadt in einem 500 Jahre alten Gebäude befindet. Und übermorgen endet nach achteinhalb Jahren meine Zeit als Mitarbeiter an der Universität. Das Ende des Projektförderungszeitraums ist erreicht. All das stimmt mich wehmütig.
Für meinen Großen beginnt mit dem Kindergarten eine neue Phase seines Lebens, für mich zwei Monate später mit dem Beginn des Referendariats. Im Kindergarten wird er zu den Kleinsten gehören, nachdem er in den letzten Monaten in der Kita zu den Größten gehörte, die mit in den Garten, zum Einkaufen oder zum Schwimmen gehen durften. Ich werde im Referendariat zu den Ältesten gehören, zugleich aber auch, im Verhältnis zu arrivierten Lehrern und Seminarleitern, zu den Kleinsten.
An langen Arbeitstagen war mir oft die liebste Zeit des Tages der Weg zur Kita: der Gang zur Bushaltestelle (ca. 150 m), mal rennend, mal auf den Schultern, meist an der Hand, manchmal die Haltestelle variierend, weil ihm der rote Hamster, der vom Götz-Widmann-Plakat winkt, Angst macht; die Busfahrt, am liebsten vorne rechts sitzend, so dass wir die verschiedenen Baustellen mit ihren Kränen, Baggern und Betonmischern bewundern können, manchmal schwer zu erobern gegen die Senioren, die seltsamerweise auch ganz wild auf diesen Platz sind, trotz eigens für sie reservierter Plätze; der Weg von der Bushaltestelle zur Kita, auf dem man an Schaufenstern, dem Bäcker und öfters auch Tauben vorbeikommt, die verjagt werden müssen, und vor allem an einer Stelle, an der ich vor fast einem Jahr mit dem Kinderwagen bei Glatteis ins Rutschen kam, woran sich mein Sohn verblüffenderweise heute noch erinnert, "Papa, hast du dir hier Aua gemacht?!"; schließlich die Treppe hoch zur Kita, etwa 40-50 Stufen, angeblich Hinderungsgrund für manche Eltern, die nicht wissen, was sie verpassen, und die dafür sorgen, dass die Kinder dieser Einrichtung wesentlich schneller Treppensteigen und zählen lernen dürften als andere; dann die Abschiedszeremonie, Jacke, Mütze und Schal aus, Hausschuhe an, Umarmung und zum Glück meist keine Tränen mehr. Dazu kommen natürlich die kleinen Gespräche mit den anderen Kindern, den Eltern und den Erzieherinnen, und das alles, durch die flexible Arbeitszeitgestaltung meiner bisherigen Stelle, mit Zeit und Ruhe, also den beiden meines Erachtens wichtigsten Punkten für ein friedliches Eltern-Kind-Verhältnis, v.a., weil beides doch oft nicht so zuhanden ist, wie man es gerne hätte. Wie wird es erst sein, wenn ich durch den umbarmherzigen Stundenplan und die noch zu erledigende Anfahrt in ein engeres Zeitkorsett geschnürt sein werde? Klar, nicht jeder Tag beginnt mit der ersten Stunde, aber an denen, die so beginnnen, werde ich meine Kinder wahrscheinlich morgens gar nicht sehen. Vorher steht noch die Eingewöhnung des Kleinen an, der in dieselbe Einrichtung gehen wird. Manches wird ähnlich sein, Vieles anders. Die erste Zeit wird er noch nicht die Treppen laufen wollen, andere Plätze im Bus bevorzugen. Kinder werden für ihn die Großen sein, während sie bisher für uns und unseren Großen die Kleinen waren. Die Erzieherinnen werden dieselben sein und die Eltern auch, teilweise auch sie mit Geschwisterkindern der Spielkameraden unseres Großen. Der Weg wird der gleiche sein, und doch ein anderer. Und ganz bestimmt wird es auch schön werden.
Aber es ist Herbst. Und ich bin ein bisschen wehmütig.

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Raser Idylle

Kennt ihr diese Rennradfahrer? Komplett in klatschenge und grellbunte Radlerkleidung gewandet rasen sie auch noch durch die schönste Landschaft tief über den Lenker gebeugt. Ich muss zugeben: ein bisschen verachte ich das, weil gerade das, was ich als das Schöne am Fahrradfahren ansehe, die Landschaft, die kleinen Entdeckungen und Begegnungen und die frische Luft, auf diese Weise nur unzureichend genossen werden kann. Wenn ein solcher Sportradler sich zwischen einem gut asphaltierten Weg, der aber direkt neben der Bundesstraße verläuft, und einem Feldweg abseits davon entscheiden muss, wählt er ersteren.
Andererseits ist das Radfahren vermutlich nur auf diese Weise tatsächlich ein Sport, der das erfüllt, was sich die überwiegende vom Sport erwartet: eine Möglichkeit, fit zu werden, abzunehmen, dynamisch zu wirken. Und ich muss auch zugeben, dass ich mich zumindest nicht ganz von der Freude an der messbaren Geschwindigkeit und zurückgelegten Strecke freisprechen kann - sonst hätte ich wohl keinen Tachometer an meinem bescheidenen Tourenrad.


Vor kurzem habe ich nun zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder eine Fahrradtour gemacht. Da ich nur eine Stunde Zeit für die erdachte Runde durchs Neckartal zwischen Tübingen und Rottenburg hatte, musste ich dieses Mal doch etwas mehr Gas geben.
Wahrscheinlich sind auch die meisten dieser Radrennfahrer gestresste Kleinkind-Väter wie ich, die sich mühsam eine kleine Auszeit vom Feierabend (Duplo-Spielen, Vorlesen, Wäsche aufhängen, Spülmaschine ausräumen, Wickeln...) erkämpft haben und nun versuchen, die ihnen gewährte Freizeit so sinnvoll wie möglich anzuwenden. Bliebe nur noch, die modischen Geschmacksverirrungen zu erklären - aber wer wollte das bei Kleinkind-Eltern ernsthaft versuchen?!!?
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Bei dieser Gelegenheit füge ich auch ein paar Fotos aus meiner bevorzugten Radfahrgegend an, dem Neckartal und dem Ammertal, aus aktiveren Fahrrad- aber prä-Blog-Zeiten.

Tübingen - Unterjesingen, Barbarakirche
Wurmlinger Kapelle

Tübingen - Unterjesingen, Schloss Roseck


Tübingen - Weilheim, Nikomedeskirche

Tübingen - Lustnau

Ammerhof

Wurmlinger Kapelle

Wurmlinger Kapelle

Pfäffingen, Michaelskirche

Oberndorf, St. Ursula

Sonntag, 11. Juni 2017

Kulturschock Kunstrasen

Es gibt ja viele Bereiche, in denen man Spanien (Valencia) und Deutschland (Tübingen) miteinander vergleichen kann: Bierkultur, Fußball, ÖPNV... Für hauptamtliche Eltern drängt sich allerdings vor allem der Vergleich der Spielplatz - Situation hier wie dort auf.
Zunächst einmal muss man zugestehen: in Valencia gibt es deutlich mehr Spielplätze als im ach so familienfreundlichen Tübingen. Diese finden sich an den verschiedensten Orten:  an U-Bahn-Haltestellen, in Straßenecken und vor allem zwischen den typischen großen Häuserblocks.  Besonders wichtig aber und in meinen Augen die beachtlichste Spielplatz - Innovation: fast immer befindet sich direkt daneben eine Bar! In Deutschland muss man für einen solchen Service schon ein Waldheim oder ein Naturfreundehaus aufsuchen - in Tübingen gibt es sogar Spielplätze ohne Bänke! Was drückt das für ein Elternverständnis aus?!! Dabei ist es keineswegs so, als würden spanische Eltern ihren Zöglingen weniger besorgt hinterher rennen als deutsche, eher im Gegenteil. Dazu besteht andererseits aber in Spanien deutlich weniger Anlass, da sich 90 % der Spielplatzgeräte an Kinder richtet, die gerade erst krabbeln gelernt haben. Zudem sind Spielplätze entweder mit einem fröhlichen Tartanboden oder kratzigem Kunstrasen ausgelegt - so ist der Boden nicht zu hart und v.a. werden die lieben Kleinen nicht schmutzig! Sand - vom Strand! - ist schließlich der natürliche Feind der spanischen Hausfrau.

Kurioses Spielplatzverbotsschild 1: (Tübinger) Mütter, zieht eure High Heels aus!

So kann man schließen, dass für Eltern von kleinen Kindern der Spielplatz - Aufenthalt in Spanien relativ entspannt sein könnte: bei geringer Verletzungsgefahr und Orxata amb fartons oder Chocolate con churros. Andererseits ist es wohl doch auch schon bald recht langweilig für die etwas größeren Kinder, die vermutlich nichts gegen längere Rutschen, Seilbahnen und Wasserspiele einzuwenden hätten. 
Fußball gespielt wird übrigens trotz der Verbotsschilder.
Kurioses Spielplatzverbotsschild 2: Bloß nicht Fußballspielen!

Freitag, 5. Juni 2015

Tübingen, Prenzlauer Berg

Seit sechs Monaten bin ich Vater und mache doch heute zum ersten Mal etwas, was ich mir immer für die Zeit meiner Vaterschaft vorgestellt und mir insbesondere für die Elternzeit vorgenommen hatte: ich sitze in einem Eiscafé im Freien, links neben mir den Kinderwagen und rechts den rauschenden Ammerkanal, und nehme ein zweites Frühstück zu mir, Croissant und Cappuccino. Meine Kaffee-GenossInnen (warum gibt es eigentlich keinen positiven Gegenbegriff zu Leidensgenosse?) sind keine Latte - Macchiato - Mütter, vielleicht ist es dazu noch zu früh am Morgen? Der Altersdurchschnitt dürfte sich eher in Richtung 55 bewegen. Am nächsten sitzt mir eine ältere Frau. Sie macht sich Notizen, wahrscheinlich über die anderen Kaffeebesucher oder für ihren Blog. Ein Mann trinkt das erste (?) Hefeweizen des Tages und raucht dazu Kette. Kommt er jeden Tag hierher? Zwei Frauen, die eine Ende 30, die andere 15-20 Jahre älter, mit großen Wanderrucksäcken, brechen kurz nach meiner Ankunft auf. Mir unverständlich, dass sie alle den zwischen zwei Hauswänden eingezwengten Bereich zum Sitzen wählen, nicht den am Wasser. Wahrscheinlich liegt es daran, dass sie dort in der Sonne sitzen können, während mein Tisch im Schatten steht; doch selbst wenn ich wollte könnte ich mein anspruchsvolles Söhnchen nicht der Sonne aussetzen, denn wann immer ihn ein Sonnenstrahl trifft, windet er sich wie ein Vampir beim Anblick eines Kruzifixes, so dass die Routen für Spaziergänge am besten so gewählt werden, dass der Stand der Sonne passt, weil man sonst ständig das Verdeck des Kinderwagens hin und her drehen muss, oder sogar gleich den ganzen Sitz. Eine ältere Frau, die das Café verlässt, wirft halb unauffällig einen Blick in den Kinderwagen: ob da wohl wirklich ein Kind drin liegt?
Obwohl junge Väter mit Kinderwagen mittlerweile im Stadtbild ja Standard sind, wird man mitunter doch etwas misstrauisch beäugt: Hier muss noch Einiges für die Gleichberechtigung getan werden, z.B. rauchfreie Sportkneipen mit ausreichend Platz für Kinderwagen und väterfreundliche Fußball-Anstoßzeiten um 11 Uhr vormittags...