Freitag, 10. April 2020
Mittwoch, 25. März 2020
Lieblingsplätze in Tübingen
Wenn man sich nicht bewegen darf wie sonst, denkt man sich 'raus.
Die Idee zu diesem Text hatte ich schon vor zweieinhalb Jahren im Herbst, als die Tage kürzer wurden, liebe Freunde sich überlegten, wegzuziehen, und immer klarer wurde, dass auch wir nicht ewig in unserer Wohnung wohnen würden bleiben können, da sie jeden Tag ein bisschen kleiner wurde.Wir wussten also nicht, ob auch für uns bald der Tag kommen würde, an dem wir uns von Tübingen verabschieden müssten.
Die Idee zu diesem Text hatte ich schon vor zweieinhalb Jahren im Herbst, als die Tage kürzer wurden, liebe Freunde sich überlegten, wegzuziehen, und immer klarer wurde, dass auch wir nicht ewig in unserer Wohnung wohnen würden bleiben können, da sie jeden Tag ein bisschen kleiner wurde.Wir wussten also nicht, ob auch für uns bald der Tag kommen würde, an dem wir uns von Tübingen verabschieden müssten.
Im Schwäbischen Tagblatt wurden Politiker und sonstige Prominente damals für Porträts gerne nach ihrem Lieblingsplatz in Tübingen befragt. Da ich weder das eine noch das andere bin oder in absehbarer Zeit sein werde, äußere ich mich einfach mal auf meinem eigenen Blog dazu. Durch die Umstände ist es mehr eine Reise in die Vergangenheit als in die Ferne, denn Lieblingsorte haben immer etwas mit den Momenten zu tun, die wir dort verbracht haben (Chronotopos).
1) An der Kreuzung der Nauklerstraße mit der Melanchthonstraße im Eckhaus gibt es einen kleinen Bäcker, früher betrieben von der Tübinger Bäckerei Gauker. Er war der nächste Bäcker zum Brechtbau und ich habe dort ungezählte Tassen Kaffee getrunken, Butterbrezeln und Apfelballen gegessen. Zeitweise lag er auch auf meinem Weg nach Hause und ich kaufte dort Brot ein. Der schönste Platz war damals ein Tisch mit zwei Stühlen, der vor dem Bäcker auf dem Gehsteig stand. Am besten saß man dort morgens im Frühsommer, wenn es noch ein wenig frisch ist. In regelmäßigen Abständen schwappten Studenten von der Haltestelle Mohlstraße herunter, in den Bäcker hinein und weiter über die Wilhelmstraße und in die Fakultäten. Der Ort vereinte die Ruhe einer Wohngegend mit dem urbanen Flair der Universitätsstadt.
1) An der Kreuzung der Nauklerstraße mit der Melanchthonstraße im Eckhaus gibt es einen kleinen Bäcker, früher betrieben von der Tübinger Bäckerei Gauker. Er war der nächste Bäcker zum Brechtbau und ich habe dort ungezählte Tassen Kaffee getrunken, Butterbrezeln und Apfelballen gegessen. Zeitweise lag er auch auf meinem Weg nach Hause und ich kaufte dort Brot ein. Der schönste Platz war damals ein Tisch mit zwei Stühlen, der vor dem Bäcker auf dem Gehsteig stand. Am besten saß man dort morgens im Frühsommer, wenn es noch ein wenig frisch ist. In regelmäßigen Abständen schwappten Studenten von der Haltestelle Mohlstraße herunter, in den Bäcker hinein und weiter über die Wilhelmstraße und in die Fakultäten. Der Ort vereinte die Ruhe einer Wohngegend mit dem urbanen Flair der Universitätsstadt.
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| Bildquelle unten |
2) Wenn man im Sommer abends in der Stadt draußen Bier trinken möchte, geht man zum Beispiel in die Gasthausbrauerei Neckarmüller in den großen Biergarten direkt am Fluss. Wenn man dabei aber die Gruppen von Betrunkenen und/oder JunggesellInnen-Abschieden sowie die Schnaken anziehende Beleuchtung vermeiden will, kann man eine von zwei Bänken ansteuern, die auf der anderen Seite des Biergartens stehen. Von dort hat man einen wunderschönen Blick auf das Neckarparkhaus und das Hotel Domizil. Es ist die erwachsene Weiterentwicklung des Herumgammelns auf Spiel- und Parkplätzen, denn die Versorgung mit Bier vom Fass ist gesichert - nicht ganz billig aber umweltfreundlich.
3) Den dritten Lieblingsplatz verbinde ich mit meiner ersten Elternzeit. Es ist die Eisdiele vor dem Haagtor. Hier kam ich immer mit dem Kinderwagen vorbei, wenn ich in die Stadt ging - und oft ging ich daran nicht vorbei, ohne mir eine Waffel mit Vanilleeis und Amarena Kirsch zu kaufen. Wenn man das Eis direkt vor Ort essen möchte, kann man sich auf einen von circa sieben Stühlen setzen, die alle unterschiedlich sind, oder auf eine lange leicht angemoderte Bank unter dem Baum, der gegenüber der Eisdiele steht. Auch auf diesem Platz herrscht ein reges Kommen und Gehen. Es gibt Bewegung von Fahrrädern und Fußgängern, die durch den Fahrradtunnel kommen und gehen, viele auf dem Weg zum Freibad und entsprechender Stimmung, aber es ist selten laut oder hektisch. Wenn das Kind ein bisschen größer ist, kann es auf der modrigen Bank herumklettern, und wenn es noch größer ist, möchte es selbst ein Eis und auf den Spielplatz gegenüber.
Bildquelle: Bild von <a href="https://pixabay.com/de/users/markusspiske-670330/?utm_source=link-attribution&utm_medium=referral&utm_campaign=image&utm_content=595478">Markus Spiske</a> auf <a href="https://pixabay.com/de/?utm_source=link-attribution&utm_medium=referral&utm_campaign=image&utm_content=595478">Pixabay</a>
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Donnerstag, 20. Februar 2020
Blgbtrg
Ein Phänomen, das mich seit einiger Zeit beschäftigt, ist das der gestrichenen Vokale auf verschiedenen Schriftzügen. Ich verstehe nicht, was die Vokale Schlimmes angestellt haben! Sie sind die wichtigsten Laute in unserer Sprache. Wenn man aus irgendeinem Grund lallt und die Konsonanten nicht mehr deutlich artikulieren kann, wird der Sinn zumeist dennoch erschließbar sein - man versuche das mal mit einem ausschließlich aus Konsonanten bestehenden Sätzen! Nicht umsonst gelten die vokalreicheren romanischen Sprachen als besonders schön.
Der Beginn dieses Trends scheint eine Adaptation des Schriftzugs von Run DMC gewesen zu sein. Dabei werden zwei Dreibuchstabenkombinationen untereinander gestellt, von denen die erste im Allgemeinen "FCK" ist. Hierbei wurde durch die Auslassung des Vokals das tabuisierte Wort, das noch bis zum Jahr 2010 in den USA in Fernsehen und Radio weggepiept wurde, erträglich gemacht, blieb dabei aber leicht erkennbar. Wenn die Google-Suche hier aussagekräftig ist, war die erste und häufigste Kombination "FCK NZS". Das ist eine interessante Idee, weil hier ein zwar nicht als vulgär empfundenes Wort, sondern ein abstoßendes Konzept gleichsam zensiert wird.
Der Beginn dieses Trends scheint eine Adaptation des Schriftzugs von Run DMC gewesen zu sein. Dabei werden zwei Dreibuchstabenkombinationen untereinander gestellt, von denen die erste im Allgemeinen "FCK" ist. Hierbei wurde durch die Auslassung des Vokals das tabuisierte Wort, das noch bis zum Jahr 2010 in den USA in Fernsehen und Radio weggepiept wurde, erträglich gemacht, blieb dabei aber leicht erkennbar. Wenn die Google-Suche hier aussagekräftig ist, war die erste und häufigste Kombination "FCK NZS". Das ist eine interessante Idee, weil hier ein zwar nicht als vulgär empfundenes Wort, sondern ein abstoßendes Konzept gleichsam zensiert wird.
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| Urheber: Klaus Mueller (CC BY Lizenz 3.0) Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/be/Fcknzs.jpg |
Inhaltlich parallel dazu ist der erfreulich häufig zu sehende Schriftzug "FCK AFD". Dieser stellt aber das einmal etablierte phonetische Konzept schon wieder in Frage, weil der Parteiname "AfD" nunmal einen Vokal im Namen trägt. Es müsste dann zu "FCK FD" reduziert werden, was unter anderem deshalb problematisch wäre, weil hierdurch nicht mehr deutlich würde, dass etwas ausgelassen wurde. Ich komme später darauf zurück. Noch unlogischer ist das im Reutlinger Raum öfters zu beobachtende "FCK ULM", weil hier im vorderen (oder oberen) Teil das <u> gestrichen wurde, im hinteren (oder unteren) nicht.
Es gibt aber auch eine zweite Ausformung des Trends, die unter anderem auch Oliver Bierhoff mit seinem freshen Marketing - Team erreicht hat, was zum Hashtag der WM 2018 "#zsmmn" geführt hat. Bei so vielen Buchstaben sind unzählige Silbenfolgen möglich, zum Beispiel <ozeasamiminu>. Sehr aussagekräftig. Aber diese Verwendungsweise ist kennzeichnend für die zweite Ausformung des Trends, nämlich die konsequente Befolgung der Regel bei totaler Missachtung der Verständlichkeit. So steht auf der Kapuzenjacke eines Bekannten "Made in BLN". Mein erster Gedanke war: fehlt da nicht ein <r> und meint dann "Berlin"? Und weiter bin in seither auch nicht gekommen... Ein anderer Bekannter trug ein T-Shirt mit der Aufschrift "BLKN". Da ich ihn kenne, glaube ich davon ausgehen zu können, dass damit "Balkan" gemeint ist. Es könnte aber ebenso gut "Balkon" oder "blöken" gemeint sein - oder zahllose andere Buchstabenkombinationen, in denen die Konsonanten <b>, <l>, <k> und <n> vorkommen.
Ich fordere daher: mehr Respekt für Vokale! Sie sind es wert.
Ich fordere daher: mehr Respekt für Vokale! Sie sind es wert.
Sonntag, 1. September 2019
Deutschland, ein Nordsee-Märchen
Es waren einmal ein Immobilienmakler und seine Frau, eine
Innenarchitektin, die wohnten zusammen in einer Dreizimmerwohnung in einer mittelgroßen
Stadt in Niedersachsen, und obwohl es recht weit war, fuhr der Immobilienmakler
jeden Tag in seinem VW Scirocco an die Nordsee-Küste und angelte.
So saß er auch einmal mit seiner Angel und schaute immer in das klare Wasser hinein, und er saß und saß. Da ging die Angel auf den Grund, tief, tief hinab, und wie er sie heraufholte, da zog er einen großen Butt heraus. Da sagte der Butt zu ihm: »Höre, [Immobilienmakler], ich bitte dich, laß mich leben, ich bin kein richtiger Butt, ich bin ein verwünschter Prinz. […] Setz mich wieder ins Wasser und laß mich schwimmen! (Quelle)
Ich werde Dir
und Deiner Frau alle Wünsche erfüllen!" „Nun ja“, sagte der Immobilienmakler, „meine Frau und
ich, wir hätten doch gerne ein Häuschen ein bisschen näher am Meer. Es gibt da
so ein Neubaugebiet in ***siel, da hätte ich gerne ein typisch ostfriesisches Backsteinhaus.“
„Okay“, sagte der Butt, „wenn’s weiter nichts ist!“
„Na ja“, sagte der Immobilienmakler, „ein Garten sollte
natürlich schon dabei sein, mit einer Blumenrabatte zur Straße hin, damit es
auch ordentlich Eindruck macht.“
„Genehmigt“, sagte der Butt.
„Wobei“, dachte der Immobilienmakler laut nach, „wenn die
Terrasse zur Straße geht, dann sollte sie auch blickdicht abgeschirmt sein.
Schließlich soll nicht jeder sehen können, wen ich gerade zu Besuch habe. Ich
wünsche mir daher eine blickdichte und wetterfeste Plexiglas-Konstruktion um
meine Terrasse herum.“
„Das lässt sich machen“, seufzte der Butt.
„Wichtig ist aber auch“, schob der Immobilienmakler nach,
„dass der Rasen immer ordentlich gemäht ist. Man möchte ja schließlich von den
Nachbarn nicht schief angeschaut werden, wie schnell ist man als Hippie oder
Öko verschrien! Ich brauche unbedingt einen Rasenmäher-Roboter, am liebsten den
Husqvarna Mähroboter Automower 450X.“
„Ist gut“, versprach der Butt, „von dem habe ich auch nur
Gutes gehört.“
„Wenn man es recht bedenkt“, spann der Immobilienmakler
den Faden weiter, „regnet es doch ziemlich oft hier in an der Nordsee. Das würde dem
empfindlichen Gerät wahrscheinlich schaden. Und wenn ich schon einen
Rasenmäher-Roboter habe, der sich sozusagen selbständig um die korrekte Länge
meines Rasens kümmert, habe ich doch keine Lust, das Ding immer aus dem Haus in
den Garten zu tragen und dann wieder hinein. Da könnte ich ja gleich selbst
mähen oder mir einen Hund kaufen.“
„War’s das jetzt?“, knurrte der Butt. „Mir ist etwas zu unbequem
für so lange Unterhaltungen.“
„Ich hab’s!“, rief der Immobilienmakler freudig aus, „mein
letzter Wunsch: eine Garage für Mähroboter!“ Und er strahlte.
Der Butt verzog sein breites Butt-Maul und nickte
ergeben.
Sonntag, 14. Juli 2019
Verkehr in Valencia
Im Schwäbischen Tagblatt erschien kürzlich in der Wochenend-Beilage, Seite "Wissen", eine Infografik zum Kreisverkehr. Darin wurden die Vor- und Nachteile des Kreisverkehrs gegenüber einer Kreuzung genannt (weniger Konfliktpunkte und Wartezeiten, Beinahe-Ausschluss von Frontalkollisionen), die Bedeutung der Schilder erklärt (blaues Kreisverkehrsschild und Vorfahrt-gewähren-Schild - das dürfte für manche Leser neu gewesen sein) und die Bußgelder für Verstöße vorgestellt (Nichtblinken beim Herausfahren, Vorfahrt missachten, Parken im Kreisverkehr, Verbotswidriges Überfahren der Mittelinsel uvm.).
Dass im Jahr 2019 immer noch Artikel mit der Unterzeile "Um Straßenverkehrsknotenpunkte sicherer zu machen, werden Kreuzungen nicht selten durch Kreisverkehre ersetzt. Die Besonderheiten und Verhaltensvorschriften im Überblick" veröffentlicht werden, weist auf eine weiterhin fehlende Vertrautheit des deutschen Autofahrers mit diesem scheinbar aus dem Welschland importierten Verkehrshindernis hin.
Tatsächlich war mutmaßlich der erste Kreisverkehr überhaupt der 1899 in Görlitz errichtete Brautwiesenplatz - einer Stadt, über die man in diesen Tagen ja überhaupt nur Gutes hört! Dennoch wird er irgendwie nach wie vor als undeutsch wahrgenommen, so dass man vermutlich in den Programmen gewisser Parteien (oder Nicht-Parteien) die Forderung nach seiner Abschaffung finden könnte. Woher diese Abneigung rührt? Vermutlich daher, dass der Kreisverkehr das ungehinderte Rasen so unhübsch stört, vor allem, wenn man in der 70er Jahren, also vor dem Kreisverkehrsbauboom hierzulande, eines dieser idyllischen französischen Städtchen besuchen wollte, und statt mit gepflegten 50-70 km/h bis zur Place de la ville durchzubrausen alle paar hundert Meter herunterbremsen musste, um im Halbkreis um eine überdimensionierte Topfplanze oder städtisch finanzierte Plastiken herumzufahren. Der Stachel sitzt weiterhin tief.
Aber nicht nur in Frankreich gibt es diese Blume der Zivilisation (auch wenn sich hier mit 20.000 ronds-points angeblich die Hälfte aller weltweit vorhandenen Kreisverkehre findet [Quelle]), auch in Spanien gibt es ein paar besonders schöne Exemplare, liebevoll rotondas genannt.
Mein Lieblingsbeispiel in Valencia ist ein Doppel-Kreisverkehr, also eigentlich ein Achter-Verkehr: ich nenne ihn "die Doppelrotonda der unbegrenzten Möglichkeiten". (Die liegende Acht steht bekanntlich für das Unendliche.) Wie man sieht, führen insgesamt fünf (ganz sicher bin ich mir nicht...) Straßen in ihn hinein bzw. aus ihm heraus. Was man allerdings auf dem Bild nicht gut erkennen kann, ist, dass aus den drei Spuren, die in den Kreisverkehr hineinführen, im Kreisverkehr praktisch beliebig viele Spuren werden. Das heißt, dass man sich an den verschiedenen Ampeln im Kreisverkehr (ja, es gibt Ampeln im Kreisverkehr!) jeweils günstig positionieren muss, um am Ende so herauszukommen, wie man es vorhat. Am besten bleibt man also in der Mitte, so hält man sich alle Optionen offen, aber das wissen die anderen Fahrer auch...
Lustigerweise gibt es bei diesem Riesenkreisverkehr oberhalb der Avenida dels Germans Machado auch die Möglichkeit, auf eine parallel zu den Feldern in östliche Richtung führende Straße einzubiegen. Man muss hierfür den zweiten Kreisverkehr (hier rechts) so umrunden, als wolle man auf die Avenida einbiegen, wartet aber dann an der Ampel zwischen den beiden Fahrtrichtungen der Avenida und biegt dann oben zwischen den beiden Grünbereichen ab.
Eine weitere straßenbautechnische Besonderheit vermag ich nicht einmal zu benennen; daher nenne ich es The Thing That Should Not Be. Hier muss man nämlich, auf einer mehrspurigen Straße fahrend (Avinguda del Primat Reig), nach rechts abbiegen, einen Bogen fahren, um dann links auf den Carrer d'Alfauir abzubiegen. Ich wüsste gerne, ob dieses Ding einen Namen hat, aber ich weiß nicht, wie ich es googeln sollte...
Q.e.d.: Von Görlitz lernen heißt kreativ denken lernen.
Dass im Jahr 2019 immer noch Artikel mit der Unterzeile "Um Straßenverkehrsknotenpunkte sicherer zu machen, werden Kreuzungen nicht selten durch Kreisverkehre ersetzt. Die Besonderheiten und Verhaltensvorschriften im Überblick" veröffentlicht werden, weist auf eine weiterhin fehlende Vertrautheit des deutschen Autofahrers mit diesem scheinbar aus dem Welschland importierten Verkehrshindernis hin.
Tatsächlich war mutmaßlich der erste Kreisverkehr überhaupt der 1899 in Görlitz errichtete Brautwiesenplatz - einer Stadt, über die man in diesen Tagen ja überhaupt nur Gutes hört! Dennoch wird er irgendwie nach wie vor als undeutsch wahrgenommen, so dass man vermutlich in den Programmen gewisser Parteien (oder Nicht-Parteien) die Forderung nach seiner Abschaffung finden könnte. Woher diese Abneigung rührt? Vermutlich daher, dass der Kreisverkehr das ungehinderte Rasen so unhübsch stört, vor allem, wenn man in der 70er Jahren, also vor dem Kreisverkehrsbauboom hierzulande, eines dieser idyllischen französischen Städtchen besuchen wollte, und statt mit gepflegten 50-70 km/h bis zur Place de la ville durchzubrausen alle paar hundert Meter herunterbremsen musste, um im Halbkreis um eine überdimensionierte Topfplanze oder städtisch finanzierte Plastiken herumzufahren. Der Stachel sitzt weiterhin tief.
Aber nicht nur in Frankreich gibt es diese Blume der Zivilisation (auch wenn sich hier mit 20.000 ronds-points angeblich die Hälfte aller weltweit vorhandenen Kreisverkehre findet [Quelle]), auch in Spanien gibt es ein paar besonders schöne Exemplare, liebevoll rotondas genannt.
Mein Lieblingsbeispiel in Valencia ist ein Doppel-Kreisverkehr, also eigentlich ein Achter-Verkehr: ich nenne ihn "die Doppelrotonda der unbegrenzten Möglichkeiten". (Die liegende Acht steht bekanntlich für das Unendliche.) Wie man sieht, führen insgesamt fünf (ganz sicher bin ich mir nicht...) Straßen in ihn hinein bzw. aus ihm heraus. Was man allerdings auf dem Bild nicht gut erkennen kann, ist, dass aus den drei Spuren, die in den Kreisverkehr hineinführen, im Kreisverkehr praktisch beliebig viele Spuren werden. Das heißt, dass man sich an den verschiedenen Ampeln im Kreisverkehr (ja, es gibt Ampeln im Kreisverkehr!) jeweils günstig positionieren muss, um am Ende so herauszukommen, wie man es vorhat. Am besten bleibt man also in der Mitte, so hält man sich alle Optionen offen, aber das wissen die anderen Fahrer auch...
Lustigerweise gibt es bei diesem Riesenkreisverkehr oberhalb der Avenida dels Germans Machado auch die Möglichkeit, auf eine parallel zu den Feldern in östliche Richtung führende Straße einzubiegen. Man muss hierfür den zweiten Kreisverkehr (hier rechts) so umrunden, als wolle man auf die Avenida einbiegen, wartet aber dann an der Ampel zwischen den beiden Fahrtrichtungen der Avenida und biegt dann oben zwischen den beiden Grünbereichen ab.
Eine weitere straßenbautechnische Besonderheit vermag ich nicht einmal zu benennen; daher nenne ich es The Thing That Should Not Be. Hier muss man nämlich, auf einer mehrspurigen Straße fahrend (Avinguda del Primat Reig), nach rechts abbiegen, einen Bogen fahren, um dann links auf den Carrer d'Alfauir abzubiegen. Ich wüsste gerne, ob dieses Ding einen Namen hat, aber ich weiß nicht, wie ich es googeln sollte...
Q.e.d.: Von Görlitz lernen heißt kreativ denken lernen.
Freitag, 21. Juni 2019
Im Bild(e) sein
Letzte Woche waren wir im Zoo (Bioparc Valencia), diese Woche im Aquarium (Oceanografic Valencia).
Im Zoo war vor wenigen Wochen ein kleiner Gorilla zur Welt gekommen. Kein Wunder, dass sich vorm Gorilla - Gehege die Menschen drängten. Aber die meisten schauten gar nicht in das Gehege hinein, sondern standen mit dem Rücken zu den Tieren. Warum? Weil sie Selfies mit den Gorillas im Hintergrund aufnahmen. So lange, bis sie mit der Qualität der Aufnahme zufrieden waren.
Im Zoo war vor wenigen Wochen ein kleiner Gorilla zur Welt gekommen. Kein Wunder, dass sich vorm Gorilla - Gehege die Menschen drängten. Aber die meisten schauten gar nicht in das Gehege hinein, sondern standen mit dem Rücken zu den Tieren. Warum? Weil sie Selfies mit den Gorillas im Hintergrund aufnahmen. So lange, bis sie mit der Qualität der Aufnahme zufrieden waren.
Im Groß-Aquarium
von Valencia gibt es einen Tunnel, der durch das Aquarium führt, in dem
u.a. Haie und Rochen schwimmen. Man sieht diese eindrucksvollen Tiere neben
sich und über sich durchs Wasser gleiten. Doch auch hier folgt nicht das
Auge den Bewegungen der Tiere, sondern die Frontkamera des Smartphones.
Warum gehen Menschen in einen Zoo, in dem
es, sagen wir mal, Löwen zu sehen gibt? Es gibt hunderte von Tierfilmen zu allen bekannten
Spezies, in denen ich Löwen bei der Jagd beobachten kann, statt wie im
Zoo nur beim Dösen oder Im-Kreis-herumlaufen.
Die Menschen gehen in den Zoo, weil sie die Löwen als echte Tiere wahrnehmen möchten.
Warum aber schauen heute viele
Besucher die Tiere gar nicht mehr direkt an?
Weil es ihnen nicht um die Tiere
geht, sondern um sich selbst. Sie wollen nicht das Nashorn sehen, das
Stärke ausstrahlt und mit seiner dicken Haut archaisch aussieht, sondern sie suchen lediglich
einen neuen Hintergrund für ein im Wesentlichen stets gleichbleibendes Motiv:
sich selbst.
Zoos und Großaquarien behaupten seit einiger Zeit, sie
hätten einen ökologischen Auftrag, weil sie durch ihr Angebot dafür
sorgten, dass der Schutz bedrohter Tiere immer wieder neu ins Bewusstsein gerufen werde.
Denn nur was man kenne, könne man auch schützen wollen. Diese
Selbstrechtfertigung wird durch das oben beschriebene Verhalten
zahlreicher Besucher ad absurdum geführt, die nichts kennenlernen und
sich nicht informieren wollen, sondern Tiere in Gefangenschaft als
Fotoposter verwenden.
Vielleicht sollten die aufwendig gestalteten Plakate, die über die
Lebensbedingungen der Tiere in freier Wildbahn sowie den aktuellen
Bestand informieren, zukünftig in Spiegelschrift verfasst werden: so könnten
wenigstens die sicherlich zahlreichen Follower auf Instagram in den Genuss dieser Informationen
kommen - und sie an die Fotografen weiterleiten.
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| Paar ohne Smartphone (unten rechts) vor düsterem Abendhimmel |
Dienstag, 11. Juni 2019
Bilderbuch-Gedichtinterpretation
Was machen Deutschlehrer in den Ferien? Natürlich Gedichte interpretieren.
Bei dem Gedicht 'Wenn kleine Tiere schlafen gehen' von Anne-Kristin zur Brügge handelt es sich um ein insgesamt achtstrophiges Werk, dessen letzte Strophe sich durch einen deutlich erhöhten Umfang von den anderen Strophen abhebt. Editionstechnisch nimmt auch die erste Strophe eine Sonderstellung ein, da sie auf der Buchrückseite abgedruckt und somit scheinbar inhaltlich nachgeordnet ist. Tatsächlich handelt es sich bei diesen vier im Paarreim gereimten Versen um die Einleitung in das Gedicht: Es werden Raum und Zeit (V. 1: "Im sanften Mondschein") sowie das Thema, nämlich die Art und Weise, wie kleine Tiere - also Jungtiere, nicht kleinwüchsige Tiere - einschlafen (V. 1f.: "kannst du sehen/ wie kleine Tiere schlafen gehen"), angesprochen; auch die Adressierung an ein "du" (V. 1), also den impliziten Rezipienten, wird hier direkt deutlich. Sie wird in der Schlussstrophe wieder aufgenommen.
Die in der hier angenommenen Reihenfolge sich an diese einführende Strophe anschließenden sechs aus vier im Paarreim angeordneten Strophen folgen einem ähnlichen Muster: sie alle berichten den Vorgang, dass ein tierisches Elternteil sein Tierjunges durch verschiedene Handlungen zum Einschlafen bewegt. Die folgenden Tiere werden dabei vorgestellt: Löwe, Maus, Affe, Eule, Katze und Igel. Wie sich zeigt, handelt es sich also weder ausschließlich um heimische noch nur um exotische Tiere, Fleischfresser sind ebenso vertreten wie Pflanzenfresser; auch die Größe der Tiere in ihrer ausgewachsenen Form variiert gewaltig - von der Maus über Igel, Katze und Eule, den nicht näher definierten Affen bis hin zur Großkatze, dem Löwen. Gemeinsam ist den Tieren lediglich, dass sie außer der Eule alle aus der Familie der Säugetiere stammen, was nicht weiter verwunderlich ist, da für die Thematik des Gedichts die Aufzucht der Jungiere durch die Eltern gewissermaßen konstitutiv ist. (Familienähnlichkeiten über die Zugeörigkeit zu den Säugetieren hinaus sind nur noch für die der Familie der Katzenartigen für die "Katze" [gemeint ist mutmaßlich die Hauskatze, Felis silvestris catus] sowie den Löwen [Panthera leo] zu konstatieren, die jedoch unterschiedlichen Unterfamilien zugerechnet werden [Kleinkatzen {Felinae} bzw. Großkatzen {Pantherinae}] und zudem durch drei Strophen voneinander getrennt sind [Strophe II bzw. VI]. Bemerkenswert ist überdies, dass Mäuse in das Beuteschema von Katzen, Eulen und Igeln gehören. Die Absonderung der von den Mäusen handelnden Strophe III von den Strophen V-VII durch die vom Affen handelnde Strophe IV erscheint somit zoologisch geboten.)
Wenn wir nun die Protagonisten der verschiedenen Strophen in den Blick nehmen, so stellen wir fest, dass die Dichterin sich um ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis bei der Darstellung der Tier-Eltern bemüht zu haben scheint: in den Strophen II bis V scheint das grammatische Geschlecht demjenigen des tierischen Elternteils zu entsprechen, ohne dass hierzu etwas Genaueres gesagt wird. Anders ist dies in den Strophe VI und VII, in denen ausdrücklich vom "Kater" (VI, 1) und "Papas Bein" (VI, 4) sowie der "Igelmutter" (VII, 1) die Rede ist.
Divergent ist das Bild, das sich bietet, wenn man die Darstellung der tierischen Einschlafrituale näher betrachtet: Einerseits versucht die Dichterin, durch die Verwendung spezifischer Termini wie "Pfote" (II, 3), "Fell" (II, 4), "Küken" (V, 1), "Nest" (V, 2) und "Tatze" (VI, 1), der Schilderung typischer Verhaltensweisen - wie des Flöhens bei den Affen (vgl. Strophe IV) und des Laubaufschüttens bei den Igeln - , sowie die Nachahmung ("Schuhu schuhu", V, 3) oder Benennung ("schnurrend", VI, 3) tierischer Laute eine authentische Atmosphäre herzustellen. Andererseits lässt sie sich mehrfach zur Vermenschlichung tierischer Verhaltensweisen hinreißen, indem sie die Maus ein Schlaflied singen (III, 3!) oder die Eule "ich hab dich lieb" (V, 3!) sagen lässt.
Die Absicht hinter diesen Abweichungen von der naturalistischen Darstellungsweise wird schließlich in der bisher nicht besprochenen aber wie schon erwähnt hervorstechenden Schlussstrophe deutlich: denn hier werden in einer überraschenden Wendung die Vorgehensweisen der Tiere auf das Einschlafverhalten des Rezipienten, bei dem es sich, wie sich nun herausstellt, um das Kind der Dichterin handelt, bezogen, und aus jeder der die Verhaltensweise eines tierischen Elternteils beschreibenden Strophen eine Aktivität herausgenommen, auf das Kind appliziert und somit eine den Schlaf befördernde Wirkung impliziert. Im Einzelnen handelt es sich um folgende, in der Strophe jeweils einen Vers einnehmende Handlungen: übers-Fell-streichen (wie der Löwe), das-Ohr-kraulen (wie die Maus), Flo-vom-Po-zupfen (wie der Affe), festhalten (wie die Eule), Bauch-streicheln (wie die Katze) und Nase-anstupsen (wie der Igel). Es zeigt sich, dass diese kunstvolle Verknüpfung genau parallel zur vorherigen Anordnung der Strophen verläuft! Zusammen mit zwei einleitenden und zwei abschließenden Versen ergibt sich für diese letzte Strophe eine Versanzahl von zehn. Die abschließenden Verse münden in die Schilderung einer zusätzlichen Handlung, nämlich den "Schmuse-Kuschel-Einschlaf-Kuss" (VIII, 10). Mit diesem Neologismus endet das Gedicht. Der Vers bewirkt zweierlei: er erklärt die gesamte Beschreibung der Handlungen als durch den Vortragenden selbst auszuführende, so dass also an letzter Stelle der Gute-Nacht-Kuss zu stehen habe; zugleich bewirkt der aus nur einem Wort bestehende letzte Vers eine große Müdigkeit beim Rezipienten, die bei glücklichem Einsatz dazu führt, dass er einschläft.
Zur Unterstützung dieses Vorhabens hätte eine höhere Anzahl an klingenden Kadenzen mutmaßlich Einiges beigetragen. Die Kadenzen der Reime sind fast ausschließlich männlich. Klingende Kadenzen sind nur in der Eingangs- ("sehen" - "gehen") und der Katzenstrophe ("Tatze" - "Katze") zu finden.
Die zweifelsohne wünschenswerte Miteinbeziehung der bildlichen Darstellungen konnte im Rahmen dieser Untersuchung leider nicht geleistet werden.
Bei dem Gedicht 'Wenn kleine Tiere schlafen gehen' von Anne-Kristin zur Brügge handelt es sich um ein insgesamt achtstrophiges Werk, dessen letzte Strophe sich durch einen deutlich erhöhten Umfang von den anderen Strophen abhebt. Editionstechnisch nimmt auch die erste Strophe eine Sonderstellung ein, da sie auf der Buchrückseite abgedruckt und somit scheinbar inhaltlich nachgeordnet ist. Tatsächlich handelt es sich bei diesen vier im Paarreim gereimten Versen um die Einleitung in das Gedicht: Es werden Raum und Zeit (V. 1: "Im sanften Mondschein") sowie das Thema, nämlich die Art und Weise, wie kleine Tiere - also Jungtiere, nicht kleinwüchsige Tiere - einschlafen (V. 1f.: "kannst du sehen/ wie kleine Tiere schlafen gehen"), angesprochen; auch die Adressierung an ein "du" (V. 1), also den impliziten Rezipienten, wird hier direkt deutlich. Sie wird in der Schlussstrophe wieder aufgenommen.
Die in der hier angenommenen Reihenfolge sich an diese einführende Strophe anschließenden sechs aus vier im Paarreim angeordneten Strophen folgen einem ähnlichen Muster: sie alle berichten den Vorgang, dass ein tierisches Elternteil sein Tierjunges durch verschiedene Handlungen zum Einschlafen bewegt. Die folgenden Tiere werden dabei vorgestellt: Löwe, Maus, Affe, Eule, Katze und Igel. Wie sich zeigt, handelt es sich also weder ausschließlich um heimische noch nur um exotische Tiere, Fleischfresser sind ebenso vertreten wie Pflanzenfresser; auch die Größe der Tiere in ihrer ausgewachsenen Form variiert gewaltig - von der Maus über Igel, Katze und Eule, den nicht näher definierten Affen bis hin zur Großkatze, dem Löwen. Gemeinsam ist den Tieren lediglich, dass sie außer der Eule alle aus der Familie der Säugetiere stammen, was nicht weiter verwunderlich ist, da für die Thematik des Gedichts die Aufzucht der Jungiere durch die Eltern gewissermaßen konstitutiv ist. (Familienähnlichkeiten über die Zugeörigkeit zu den Säugetieren hinaus sind nur noch für die der Familie der Katzenartigen für die "Katze" [gemeint ist mutmaßlich die Hauskatze, Felis silvestris catus] sowie den Löwen [Panthera leo] zu konstatieren, die jedoch unterschiedlichen Unterfamilien zugerechnet werden [Kleinkatzen {Felinae} bzw. Großkatzen {Pantherinae}] und zudem durch drei Strophen voneinander getrennt sind [Strophe II bzw. VI]. Bemerkenswert ist überdies, dass Mäuse in das Beuteschema von Katzen, Eulen und Igeln gehören. Die Absonderung der von den Mäusen handelnden Strophe III von den Strophen V-VII durch die vom Affen handelnde Strophe IV erscheint somit zoologisch geboten.)
Wenn wir nun die Protagonisten der verschiedenen Strophen in den Blick nehmen, so stellen wir fest, dass die Dichterin sich um ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis bei der Darstellung der Tier-Eltern bemüht zu haben scheint: in den Strophen II bis V scheint das grammatische Geschlecht demjenigen des tierischen Elternteils zu entsprechen, ohne dass hierzu etwas Genaueres gesagt wird. Anders ist dies in den Strophe VI und VII, in denen ausdrücklich vom "Kater" (VI, 1) und "Papas Bein" (VI, 4) sowie der "Igelmutter" (VII, 1) die Rede ist.
Divergent ist das Bild, das sich bietet, wenn man die Darstellung der tierischen Einschlafrituale näher betrachtet: Einerseits versucht die Dichterin, durch die Verwendung spezifischer Termini wie "Pfote" (II, 3), "Fell" (II, 4), "Küken" (V, 1), "Nest" (V, 2) und "Tatze" (VI, 1), der Schilderung typischer Verhaltensweisen - wie des Flöhens bei den Affen (vgl. Strophe IV) und des Laubaufschüttens bei den Igeln - , sowie die Nachahmung ("Schuhu schuhu", V, 3) oder Benennung ("schnurrend", VI, 3) tierischer Laute eine authentische Atmosphäre herzustellen. Andererseits lässt sie sich mehrfach zur Vermenschlichung tierischer Verhaltensweisen hinreißen, indem sie die Maus ein Schlaflied singen (III, 3!) oder die Eule "ich hab dich lieb" (V, 3!) sagen lässt.
Die Absicht hinter diesen Abweichungen von der naturalistischen Darstellungsweise wird schließlich in der bisher nicht besprochenen aber wie schon erwähnt hervorstechenden Schlussstrophe deutlich: denn hier werden in einer überraschenden Wendung die Vorgehensweisen der Tiere auf das Einschlafverhalten des Rezipienten, bei dem es sich, wie sich nun herausstellt, um das Kind der Dichterin handelt, bezogen, und aus jeder der die Verhaltensweise eines tierischen Elternteils beschreibenden Strophen eine Aktivität herausgenommen, auf das Kind appliziert und somit eine den Schlaf befördernde Wirkung impliziert. Im Einzelnen handelt es sich um folgende, in der Strophe jeweils einen Vers einnehmende Handlungen: übers-Fell-streichen (wie der Löwe), das-Ohr-kraulen (wie die Maus), Flo-vom-Po-zupfen (wie der Affe), festhalten (wie die Eule), Bauch-streicheln (wie die Katze) und Nase-anstupsen (wie der Igel). Es zeigt sich, dass diese kunstvolle Verknüpfung genau parallel zur vorherigen Anordnung der Strophen verläuft! Zusammen mit zwei einleitenden und zwei abschließenden Versen ergibt sich für diese letzte Strophe eine Versanzahl von zehn. Die abschließenden Verse münden in die Schilderung einer zusätzlichen Handlung, nämlich den "Schmuse-Kuschel-Einschlaf-Kuss" (VIII, 10). Mit diesem Neologismus endet das Gedicht. Der Vers bewirkt zweierlei: er erklärt die gesamte Beschreibung der Handlungen als durch den Vortragenden selbst auszuführende, so dass also an letzter Stelle der Gute-Nacht-Kuss zu stehen habe; zugleich bewirkt der aus nur einem Wort bestehende letzte Vers eine große Müdigkeit beim Rezipienten, die bei glücklichem Einsatz dazu führt, dass er einschläft.
Zur Unterstützung dieses Vorhabens hätte eine höhere Anzahl an klingenden Kadenzen mutmaßlich Einiges beigetragen. Die Kadenzen der Reime sind fast ausschließlich männlich. Klingende Kadenzen sind nur in der Eingangs- ("sehen" - "gehen") und der Katzenstrophe ("Tatze" - "Katze") zu finden.
Die zweifelsohne wünschenswerte Miteinbeziehung der bildlichen Darstellungen konnte im Rahmen dieser Untersuchung leider nicht geleistet werden.
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